Auf der Suche nach Identität, oder vier Lebensläufe mit der schwankenden Kontinuität
Treffen: Vivien, Lars, Iza, Agnieszka, Ola, Krzysztof


Am Anfang war der Mann. Und die Frau. Und ihre Entscheidungen zur Vereinigung und auch zur Überschreitung geographischer Grenzen. In der Zwischenzeit erschienen Sie auf der Welt: Vivien, Lars, Iza, Agnieszka. Die Nachkommen. Heute sind sie 21 Jahre alt und suchen nach Ihrem Platz auf dieser Welt. Jeder von ihnen ist aus einem anderen Grund in Berlin. Vivien, eine „schwarz-weiße Mischung“, Mutter - Deutsche, Vater aus Zimbabwe und doch die einzige von den Vier-en mit einer eindeutigen deutschen Staatsbürgerschaft. Lars, aus drei Nationen entspringend, deutsch (vom Vater), englisch-norwegisch (von der Mutter). Iza, Polin, die im Alter von 7 Jahren von der Mutter nach Deutschland gebracht wurde schon als Volljährige vom Stiefvater adoptiert.

Agnieszka, auch Polin, hat aus beruflichen Gründen Ihrer Eltern ihr Leben großteils in Deutschland verbracht. Alle Vier versuchen ihre Identität zu bestimmen, bewusst die Anwesenheit in hier und jetzt zu gestalten, auf die Fragen zu antworten: Wer bin ich? Wo sind meine Wurzeln? Verliere ich oder gewinne, wenn ich hier bin, in Berlin? Sie sitzen vor uns, den um ein Viertel Jahrhundert älterer, voller Existenzsehnsucht, der Sehnsucht sich zu erzählen. Vivien, die Schüchternste, fängt an. Vielleicht das Bewusstsein des Anderssein bedingt durch die dunkle Hautfarbe oder die Kindheitstraumata bedingen, dass ihre Antworten über ihr Alter hinaus reif klingen. Bis zum 5-en Lebensjahr . Berlin, später Zimbabwe – eine große, exotische Familie und Abenteuer, Rückkehr nach Deutschland, als Sie 13 ist. Es fängt eine verfrühte Selbständigkeit an, die durch den Familienverfall bedingt ist. Vivien geht durch dank der Hilfe ihrer Freunde und teilweise ihres Vaters weiterhin zur Schule. An diesem Abend verkündet Sie eine Lobeshymne auf die Bildung, in der Meinung, dass sie nur dadurch eine Chance auf ein besseres, würdigeres Leben hat. Das macht Eindruck auf die anderen Drei, für welche die Fortführung ihrer Bildung der natürliche Lauf der Dinge war. Für Vivien war es ein Beweis dafür, dass sie hierher gehört. Mit einem traurigen Lächeln stellt sie fest, dass sie besser sein muss als die mit einer helleren Hautfarbe, um mit ihnen gleich zu sein. Gefragt, ob sie sich in Berlin oder in Zimbabwe fremder fühlt, überlegt sie einen Moment und wählt aus existentiellen Gründen Berlin. Man fühlt aber Ihre emotionale Verbundenheit mit dem Land ihres Vaters. An der Stelle schaltet sich Agnieszka mit ihrer Geschichte ein. Ihr Problem, mit welchem sie versucht zurecht zukommen, ist die Unfähigkeit sich ans Leben in Polen anzupassen, sowie das Gefühl des „Nicht-Angenommenseins“ und Fremde im Land ihrer Eltern. Nach ihrer Abitur hat sie beschlossen nach Polen zurückzukehren, um zu studieren. Sie hat fast ein Jahr gebracht, um zu begreifen, dass ihr Platz in ihrer Wahlheimat ist. Das ist Deutschland – Berlin, wo sie ihr Leben größtenteils verbracht hat. Trotzdem stellt sie fest, dass sie die Rückkehr „zu den Wurzeln“ wenigstens für einen Moment gebraucht hat. Sie empfindet dieses Erlebnis nicht als Niederlage. Sie ist reicher um das Wissen über sich selbst. Ihre Geschichte ist die Bestätigung des Sprichwortes „Manchmal muss man weggehen, um bewusst wiederkommen zu können“. Diese Zerrissenheitsprobleme haben Iza und Lars nicht. Erzogen in multinationalen Familien, in welchen wenigstens ein Elternteil deutscher Nationalität war, hatten sie dank dessen ein Zugehörigkeitsgefühl zur deutschen Landschaft. Doch auch sie haben mit dem Alter angefangen das innere Bedürfnis zur Selbstbestimmung zu verspüren. Die unsichtbaren Grenzen lassen sich sehen, wenn sie sagen: „Ich bin Polin, aber..“, „Ich bin Deutscher, aber...“. Sie wählen frei zwischen den deutschen und polnischen Eigenschaften im Fall von Iza und zwischen den englischen, norwegischen und deutschen bei Lars. Charakteristisch für beide ist, dass sie im Falle einer psychischen Bedrohung von außen zur Identifikation mit der Sprache und Kultur ihrer Mutter greifen. Das ist sozusagen eine emotionale Rückkehr in die Kindheitswelt, die von der Abstammung der Mutter gezeichnet ist. Auf diese Weise entsteht bei Ihnen das Einverständnis mit der innerer Zugehörigkeit zur „anderen“ Nation. Alle Vier stehen am Anfang des Erwachsenseins, welches mit dem Fallen verschiedener Entscheidungen zusammen hängt. Zu solchen gehört auch das Recht zu entscheiden: Wer bin ich? Wir wissen schon, dass sie in Berlin bleiben, studieren, und ihre Zukunft gestalten wollen. Vielleicht hat ihnen das Erzählen ihrer Geschichten heute Abend geholfen, ihre Gedanken zu ordnen, sich zu versichern, dass die bereits gefällten Entscheidungen richtig waren. Sie wissen nur eins nicht, dass die Entscheidungen ihrer Eltern ihre Schicksale bestimmt haben. Die Lebensläufe dieser vier jungen Menschen werden für immer von schwankender Kontinuität geprägt sein und die Frage: Wer bin ich? wird unaufhörlich wiederkehren.