Inhalt und Intention des Buches

Das vorliegende Buch ist ein Lesebuch über die Situation von Migrantinnen. Es will über Gedanken und Gefühle informieren, die Frauen aus fast allen Teilen dieser Welt über dieses Land und ihren eigenen Migrationsprozess haben. Hier ist nicht über Migrantinnen geschrieben, hier äußern sie sich selber. Manche finden das Leben in Berlin bereichernd, andere sind noch immer nicht angekommen, einige sind enttäuscht und verbittert, andere entwickeln sich weiter und entdecken für sich ein neues Leben. Allen gemeinsam aber ist, gleich ob sie aus einem europäischen oder einem außereuropäischen Land kommen, der Wunsch nach Verständnis, Anerkennung, Gleichberechtigung und vor allem Annahme.

Das Buch wendet sich so zum einen an die deutschen Nachbarn, die die Möglichkeit erhalten, sich über ‘die Fremde nebenan’ zu informieren. Zum anderen stellt es aber auch eine wichtige Lektüre für andere Migrantinnen dar, gleich ob sie bereits in der Bundesrepublik beheimatet sind oder erst auf dem Weg in dieses Land sind.


Aus dem Vorwort

Jede der Frauen hatte einen Grund, sei er persönlich, wirtschaftlich oder politisch, um nach Deutschland zu kommen. Wie sie sich weiter entwickelt und die Möglichkeiten wahrgenommen haben, die es in diesem Land gibt, war nur zu oft Glücksache. Hat man einen verständnisvollen Mann oder gute Freunde ist alles leichter. Wieso jedoch bekommen meistens nur die Frauen eine gute Chance, die schon jemanden hier kennen? Wieso gibt es keine Anlaufstellen, wo jeder Migrantin, die neu kommt, ihre Pflichten und Rechte aufgezeigt werden, aber auch die ganze Palette an Möglichkeiten, die es gibt.

Gerade Migrantinnen stehen unter einem enormen Druck. Sie müssen sich in viele Richtungen beweisen, um etwas zu erreichen. Alle meine Interviewpartnerinnen stehen unter der Last, sich selbst, aber auch dieser Gesellschaft zu zeigen, wie viel sie können. Obwohl sie vieles erreicht haben in ihren Leben, spürte ich eine gewisse Unzufriedenheit bei fast allen Interviewten.

Kann man sich nicht einfach fallen lassen und das Leben genießen so weit es geht? Muten sich vielleicht manche Migrantinnen um der Integration Willen zu viel zu und vergessen dabei sich selbst

Wollen wir um jeden Preis versuchen Vorstellungen von Deutschen zu ändern, das Migrantinnen nicht viel anspruchsvollere Tätigkeiten ausüben können, als nur zu putzen oder von Sozialhilfe leben oder ein ganzes Leben lang Deutschkurse zu besuchen

Mein Fehler war lange Zeit, dass ich versuchte, mich in jeder Hinsicht anzupassen und dachte so würde ich eine gesellschaftliche Integration erreichen. Ich wollte überall akzeptiert werden. Ich nahm alle Kritik persönlich und grübelte nur über mich nach. Ich habe mich an der falschen Stelle angestrengt und meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse dabei völlig vernachlässigt. Ständig kontrollierte ich mich: Verhalte ich mich richtig, spreche ich die Wörter richtig aus. Und auch nach 20 Jahren meinte ich, mich noch immer in vielen Situationen erneut neu anpassen zu müssen. Und diese immer wiederkehrende Konfrontation mit der eigenen Identität und die daraus resultierende Verunsicherung, die Migrantinnen erleben, kann man nicht in wenigen Sätzen beschreiben.

Migrantinnen müssen lernen, dass sie die Sprache und viele andere Dinge des Alltags nicht für die Anpassung an die Deutschen lernen, sondern für sich selbst. Sich die eigene Identität bewahren und für Neues offen sein, das ist der einzig mögliche Weg. Es ist für eine Migrantin gleichgültig, wie gut oder schlecht sie Deutsch spricht, entscheidend ist, ob sie die Deutschen sie als Mensch im Privaten oder im Beruf akzeptieren. Das werden sie jedoch nur dann vollziehen, wenn Migrantinnen eine eigene Individualität ausprägen.


CECILIA aus BRASILIEN

Mitte der 60er Jahre bin ich mit einer Freundin nach Berlin gekommen. Wir wollten ein Jahr bleiben und Deutschland kennen lernen. Es ergab sich, dass ich eine feste Stelle im Iberoamerikanischen Institut gefunden habe. Die Arbeit gefiel mir gut, da ich in meiner Muttersprache arbeiten konnte. So ein Glück hat man natürlich nicht jeden Tag. Auf dieser Stelle blieb ich 32 Jahre lang. Meine Freundin ging nach einem Jahr nach Brasilien zurück und ich blieb hier.

Ich hatte schon in Brasilien als Sekretärin gearbeitet und meine Arbeit gekündigt, bevor ich nach Deutschland flog. Ich lebte damals noch mit meinen Eltern zusammen. Mit 19 Jahren hatte ich angefangen zu studieren, aber bald darauf war mein Vater gestorben, ich musste das Studium abbrechen und arbeiten gehen. Auf dieser Stelle als Sekretärin sammelte ich Erfahrungen, die mir später in Deutschland sehr geholfen haben.

Die ersten Eindrücke von Berlin waren beeindruckend. Ich fand Berlin schön und war sofort begeistert. Auf der anderen Seite machte es mir Angst, weil vieles für mich neu war. Ich war, außer in Rio de Janeiro, noch nirgendwo gewesen. Ich musste vieles lernen und entdecken.

Damals in den 60er Jahren gab es noch Spuren vom Krieg, viele Häuser waren Ruinen und die Menschen waren nicht so nett, von Ausnahmen abgesehen. Einmal wollte ich mit einer Freundin Grillhähnchen kaufen, wir standen vor einem Imbiss in der Nähe des KaDeWe in einer langen Schlange. Damals hatte ich pechschwarze, lange Haare. Ich stand wohl nicht so in der Schlange, wie es sich ein Deutscher vorstellt. Der Verkäufer fragte: „Wer bekommt als nächstes?“ Eine Frau hinter mir sagte: „Ich!“ Ich fragte sie höflich: „Wieso? Ich stehe vor Ihnen!“ Sie sagte bloß: „Indianerin!“ Nur weil ich schwarze Haare hatte und nicht korrekt in der Reihe stand, wurde ich beleidigt. Ich habe natürlich darüber gelacht, wie unwissend und dumm manche Leute sind.

Brasilien halten viele Deutsche für ein exotisches Land, verbinden es nur mit Urlaub und Vergnügen. Viele denken, dass wir noch wie Affen leben oder wie Indianer in Stämmen und dass es nur Urwald gibt. Sie können sich nicht vorstellen, dass die Strassen asphaltiert sind und wir fließendes Wasser und Strom haben. Einmal hat mich ein Arzt gefragt, woher ich komme. Ich sagte: „Aus Brasilien.“ Drauf fragte er nach: „Aus Buenos Aires?“ Sogar die Gebildeten wissen manchmal nicht, dass Buenos Aires die Hauptstadt von Argentinien ist.


Glücklich zu sein, hängt nicht von einem Ort ab, sondern von den Menschen, mit denen man lebt. Ich kann auch in Afrika oder ganz woanders leben, Hauptsache, ich verstehe mich mit meinem Mann und unsere Kinder sind dabei. Ich war erstaunt, dass viele Deutsche unglücklich und unzufrieden aussehen. China ist ein armes Land, aber die Leute dort sind viel fröhlicher. In China denken viele Leute, Deutschland ist ein reiches Land und hier leben nur zufriedene und glückliche Menschen. Auch die Zeitabhängigkeit ist in China nicht so ausgeprägt wie hier. Wir leben einfach in den Tag hinein, langsam reden, laufen … und hier guckt man ständig auf die Uhr, wie lange man für etwas braucht. Alle sind in Eile, niemand hat Zeit.

Bevor ich nach Deutschland kam, habe ich viel über dieses Land gehört. Mein Vater war Diplomat in Deutschland. Er kannte vieles und hat mich wahrscheinlich auch darin beeinflusst, dass ich Germanistik studiere und nach Deutschland gehe. Mein Vater hatte Vertrauen zu mir. „Kein Problem“, hat er gesagt, „das schaffst du schon.“ Er kannte aber nicht das normale Leben hier, dass man sich um alles selbst kümmern muss. Als er in Bonn arbeitete, hat er alles gehabt. Meine Mutter war das Gegenteil, sie war sehr in Sorge um mich. Ich war ja auch noch nie weg gewesen von zu Hause. Ich konnte zwar die Sprache, hatte aber wenig Geld, keine Bekannten oder Verwandten.