OHNE TITEL, 2000, 34x29,2, Mischtechnik, Décollage


OHNE TITEL, 2000, 34x27,8, Mischtechnik, Décollage


ME, MYSELF AND I, 1998, 197x245, Mischtechnik, Collage auf Rollo


OHNE TITEL, 2000, 152x52 Mischtechnik, Décollage


OHNE TITEL, 2001, 157x142, Mischtechnik, Décollage


BRIEF, 2002, 200x300, Mischtechnik, Décollage


BLAUER BRIEF, 2002, 170x130, Mischtechnik, Décollage


BRIEF 2002, 150x150, Mischtechnik, Décollage


AN UNBEKANNTE KÜNSTLER. 2000, 110x110, Mischtechnik, Décollage


OHNE TITEL 2001, 160x172 Mischtechnik, Décollage


THE WAY I DO (1), 2001, 171x182
Mischtechnik, Décollage



OHNE TITEL, 2001 157x219, Mischtechnik, Décollage



OHNE TITEL, 2002, 30,5x30,5, Mischtechnik, Décollage



OHNE TITEL, 2002 30,5x30,5, Mischtechnik, Décollage


Sam Grigorian wurde 1957 in Jerevan geboren. Sein künstlerischer Weg zeichnete sich schon in den 70er Jahren durch erstaunliche Eigenständigkeit und Kompromisslosigkeit aus, während das kulturelle Klima in Armenien - trotz statusbedingter Aufgeschlossenheit der Randrepublik und dem Einfluss der Diaspora-Armenier - noch von lähmendem Bürokratismus bestimmt war.

In den 80er Jahren malte Grigorian großformatige, abstrakt-expressionistische Bilder und beteiligte sich an Ausstellungen der unabhängigen Künstlergruppierung Dritte Etage. Die Namensgebung entstand, weil die erste und zweite Etage im Jerevaner Haus der Künstler konformen Malern vorbehalten blieb. So konnte die freidenkende Künstlergemeinschaft ihre Arbeiten lediglich im Dachgeschoss präsentieren. 1988 waren Grigorians Arbeiten gemeinsam mit bekannten nationalen und internationalen Künstlern auf Ausstellungen im Museum für Moderne Kunst Jerevan und in der Staatlichen Galerie Armeniens vertreten. Seit 1990 befinden sich seine Arbeiten auch in Privatsammlungen amerikanischer Kunstkenner, die bereits in Armenien auf sein Werk aufmerksam wurden.

1992 siedelte Sam Grigorian nach Deutschland über. Nach einem erfolgreichen Berliner Debüt präsentierte die Galerie Nothelfer Grigorians Arbeiten gemeinsam mit Christo, Rauschenberg und anderen 1995 auf der Art Cologne. Es folgten zahlreiche Ausstellungen des mittlerweile international renomierten Künstlers im In- und Ausland - zuletzt in der Den Haager Galerie De Rijk neben Werken von Tàpies und Appel und in der Galerie sphn, Berlin.

Der vorliegende Katalog zeigt eine repräsentative Auswahl seines vielschichtigen Werks der Jahre 1992-2001, der Schaffensperiode nach Grigorians Übersiedlung nach Europa. Das breite Spektrum seines Werkes umfasst sowohl großformatige als auch kleinformatige Décollagen, Papierarbeiten nach einem eigens entwickelten Verfahren und Assemblagen aus Bucheinbänden und anderen objet trouvé-Materialien.

Die armenischen Wurzeln seiner Kunst manifestieren sich vor allem in einer ganz besonderen Beziehung zum Papier, das Sam Grigorian bis heute als künstlerisches Material favorisiert und mit einzigartiger Meisterschaft schöpft und bearbeitet. In seinen Décollagen tritt es als vielschichtiger Bildträger mit unterschiedlichen Texturen in Erscheinung. Verschiedene Lagen fügen sich reliefartig zu Überschichtungen, deren Oberfläche der Künstler durch Knicken, Knüllen oder Reißen strukturiert. Dünne Auffaltungen, zerfaserte Strukturen der Risse und Perforationen transzendieren die Bildfläche hin zu räumlicher Tiefe und verleihen dem papier collé eine geradezu plastische Wirkung. Grigorian verwendet transparentes und handgeschöpftes Papier, Pergament und Papierreste, wie beispielsweise in der Assemblage aus getrockneten Teebeutelpapieren, die hier Van Goghs Sämann gänzlich überlagern und in ein abstraktes Formgebilde aus orthogonalen und quadratischen Feldern verwandeln.

Grigorian greift in die Papierfläche ein, indem er sie mit einer eigens entwickelten Technik öffnet und tiefere Schichten freilegt. Seine Kratzungen, Kerbungen und Ritzungen sind immer auch als Befreiung zum Wesentlichen zu verstehen: "Ich versuche wie ein Bildhauer etwas wegzunehmen und das Unnötige zu reduzieren" (S. G.).

Aus dem geöffneten Papier tritt gleichsam eine Vielzahl rätselhafter, sgraffitischer Zeichen hervor: ägyptische, armenische oder ostasiatische Schriftzeichen, kindlich anmutende Zeichnungen und abstrahierte Tierformen rhythmisieren nun die Fläche. Typographische Fragmente, Noten und Zahlen stoßen auf Piktogramme oder moderne Embleme. Und frei erfundene Symbole treten schließlich in einen faszinierenden Dialog mit überlieferten Zeichenwelten früher Hochkulturen, mit Keilschrift-Zeichen des Vorderen Orients und Relikten steinzeitlicher Höhlenzeichnungen, die den Beginn der Schriftentwicklung markieren.

Die völlig neuartig kombinierten Zeichen verwandeln sich bei Grigorian zu Elementen einer verschlüsselten Symbolsprache im Grenzbereich zwischen Logik und Alogik. Horizontale Linien erscheinen gleichsam als Zeilen, entlang derer der Künstler die Chiffren seiner Geheimbotschaft einritzt. Dem Betrachter eröffnen sich dabei immer wieder neue Möglichkeiten des Entzifferns und Dechiffrierens. Hier finden sich auch Bezüge zu armenischen Kreuzsteinen (Khatschkare) und den mit Inschriften versehenen Stelen, deren Symbolgehalt bis heute nicht enträtselt werden konnte. Dieser Bildtradition entstammt ebenfalls das Kreuz, welches uns immer wieder in Grigorians Werk begegnet, sei es als seriell gereihtes Zeichen - eingeritzt wie die Lebens- und Schutzzeichen in den Mauern armenischer Klöster - oder als geometrische Grundform in monochromen Bildern. In Kombination mit anderen Symbolen wird es zum Träger überlieferter Codierungen, denen der Künstler auf seinen Papierschichten neues Leben verleiht: "Ich setze vergangene Energien durch meine Hand frei" (S. G.).

Papier wurde in Armenien seit dem 10. Jahrhundert hergestellt. Buchstäblich legendär war die ausgesprochen persönliche und innige Beziehung, welche die armenischen Schreiber zu ihrem Handschriften entwickelten. Eine aus dem 14. Jahrhundert überlieferte Legende erzählt wie Timur Lenk einst versuchte, die Bewohner von Koschavank zu bezwingen: Er drohte, ihre Schriften zu verbrennen. Doch die Armenier konnten das illuminierte Papier retten, indem sie ihm all ihre Schätze zu Füßen legten. Diese Handschriften - so die Legende - bedeuteten ihnen mehr als ihr Leben. Spätere Versuche der Armenier, ihr kostbares Papier zu bewahren, indem sie es in leidvollen Momenten der Verfolgung und Vertreibung um den Körper schnallten, sind vielfach historisch belegt.

Grigorians Materialmontagen aus Buchdeckeln, Stoff, Gips und Sandpapier sind gefärbt und mit dem Bügeleisen gebrannt. Mit ihren Ziffern und kalligraphischen Fragmenten beschwören sie jene mittelalterlichen, in Codices zusammengefassten Handschriften. Rätselhafte Wortelemente, geritzte SOS-Zeichen oder ein handgeschriebener Satz in armenischen Schrift: "Ich habe es schon hundertmal gesagt", treten hier jedoch in ihrer formalästhetischen Qualität in Erscheinung. Aus dem ursprünglichen Bedeutungszusammenhang befreit, wirken sie wie verschlüsselte Relikte der Erinnerungswelt des Künstlers. Im schöpferischen Umgang mit dem Sprachmaterial manifestiert sich sowohl der Versuch einer Rettung schriftlich tradierter Symbole als auch der schmerzliche Verlust oraler Überlieferung in der Diaspora.

In einer Reihe von Werken hat sich Grigorian thematisch auch mit der Wandlungsfähigkeit der Farbe auseinandergesetzt. Von Nahem betrachtet werden oft Farbrisse sichtbar, welche die tiefschwarze Fläche strukturieren und beleben - feine Craqueluren, die Alterungsprozesse der Bildoberfläche implizieren. Hier sind es die Farben, die der Künstler "altern, aber nicht sterben lassen" möchte (S. G.). Bisweilen hat er sie nicht nur oberflächlich aufgetragen, sondern den Karton bzw. das papier collé mit Farbe geradezu getränkt, als wolle er die Speicherkapazität des Papiers vor Augen führen.

Grigorians fortschreitende Tendenz zur Reduktion der Form gipfelt 1999/2000 in Décollagen von geradezu gesetzmäßiger konstruktiver Strenge. Vertikale und horizontale Linien verdichten sich nun in manchen seiner Werke zu gitterartigen Strukturen, die gleichsam wie Raster die gesamte Fläche zu beherrschen vermögen. Hier akzentuiert Grigorian strukturelle Klarheit, indem er karierte Linienmuster durch Kratzungen aus den collagierten Papierschichten hervortreten lässt. Diese erinnern in ihrer tabellarischen Gliederung bisweilen an die Kanontafeln illuminierter Handschriften - jener mittelalterlichen Miniaturmalerei Armeniens, die Sam Grigorian bis heute fasziniert. Mathematische Anklänge sind in seinen Arbeiten jedoch nicht zufällig entstanden, wie Grigorian erklärt: "Ich baue Flächen wie in der Mathematik - alles soll in sich stimmig sein, doch nach meinen Regeln".

Der Künstler konstruiert auf diese Weise eine proportionale Ausgewogenheit in sich ruhender Formen, die es dem Betrachter ermöglicht, sich kontemplativ in das abstrakte Werk zu versenken. Innerbildliche Spannung entsteht zugleich durch minimale Abweichungen vom gesetzmäßigen Rhythmus der Felder. Da verräumlichen sich Liniengefüge partiell zu schachbrettartigen Mustern und lockern mit ihren optischen Kippeffekten und Metamorphosen die vermeintliche Strenge des kalkulierten Regelwerks. Immer wieder durchbrechen auch in anderen Arbeiten sparsam gesetzte Farbakzente und schräge Linien bzw. geneigte Flächen die strenge Symmetrie und Vertikalität des Bildaufbaus. Grigorian spricht in diesem Zusammenhang von "kalkulierten Zufällen", die es ermöglichen, Statik und Bewegtheit der Formen eines Bildes in dialektische Spannung zu versetzen.

In seiner minimalistischen Welt klarer Formen und einfacher Grundstrukturen finden sich immer auch Elemente der Formauflösung und archaisierende Gegenstandsabstraktionen. Hierin liegt das Unverwechselbare seines Stils begründet, der gänzlich verschiedenartige Formungstendenzen zu vereinen bzw. zu kontrastieren versteht. Kratzungen auf tektonisch-rauhem Grund und Verwischungen mit ihrer formauflösenden Tendenz scheinen metaphorisch auf die Textur der armenischen Felslandschaft zu verweisen. Die Stofflichkeit des künstlerisch bearbeiteten Papiers erscheint als Äquivalent einer haptisch erfahrbaren, von der Zeit gezeichneten Natur. Es ist als beschwöre Sam Grigorian mit seinem aufgefalteten, gerissenen oder zerfaserten Papier die textilen Gesteinsschichten einer Hochgebirgslandschaft. Wie der Stein besitzt auch das Papier seiner Auffassung nach die Fähigkeit, Zeit in sich aufzunehmen, sie zu speichern und mit natur- bzw. kulturgeschichtlicher Erfahrung anzureichern.

Einige seiner Arbeiten aus den Jahren 2000/01 hat der Künstler mit dem Titel City bzw. Berlin versehen. Auffällig an ihnen ist die horizontale Strukturierung der Fläche. Grigorian schichtet hier massiv wirkende Quader und linear umrissene Felder wie Steinlagen übereinander, sodass mauerähnliche Strukturen entstehen. Sie scheinen Setzrisse, Furchen oder Auswaschungen aufzuweisen. 2001 hat Grigorian seiner zunehmend präzisierten Formensprache noch weitere architektonisch anmutende Elemente hinzugefügt. Während ornamentierte Streifen bisweilen an Friese oder Umzäunungen erinnern, scheinen metallisch wirkende Bindeglieder und Halterungen Flächen ineinander zu verzahnen. Sam Grigorian thematisiert nun sowohl das Abgrenzen als auch das Verbinden und Zusammenfügen von Strukturen.

Die eindrucksvolle Mischung von Traditionselementen Grigorians alter und neuer Heimat wird auch in der Décollage Berlin sichtbar. Hier überschichtet und überklebt der Künstler seine objet trouvé-Materialien auf der horizontalen Zentralachse des Bildes. Holzstäbchen, Faden, gerissenes Packpapier und Pergament überlagern Relikte aus den Zeiten einer längst historischen deutschen Teilung: die ausgedienten und von den Spuren der Benutzung gezeichneten Leihkarten einer ostdeutschen Stadtbibliothek. An jener "Nahtstelle" konstituiert sich symbolisch eine Verbindung von Ost und West, die in der Präsenz des Vergangenen verankert bleibt.

Die Auswahl dieses Kataloges dokumentiert das gereifte Werk eines Künstlers, dessen Formensprache in Auseinandersetzung mit dem Informel und der Minimal art zunehmend an Eindeutigkeit und struktureller Klarheit gewonnen hat, ohne seine stilistische Vielfalt zu verlieren. In der Mitte Europas hat Grigorian seine ureigene abstrakte Handschrift entwickelt, hier findet er zu jener unverwechselbaren Synthese von Modernität und Tradition der armenischen Hochkultur, die er schöpferisch wiederbelebt und in die Gegenwart transponiert.

Anne Reinecke

Biografie

1957 geboren in Jerewan, Armenien
1974-77 Studium in Jerewan
seit 1992 lebt und arbeitet in Berlin
1994 Mitgliedschaft BBK Berlin

Einzelausstellungen (Auswahl)

1993
Kulturbrauerei, Berlin
 Deutschlandhaus, Berlin
 Projekt "Eine Welt für alle", Wandmalerei 300x500cm
 Eingang Gesamtschule, Bernau

1995
"Kunst hat keine Heimat", Galerie Altes Rathaus, Potsdam

1997
Galerie Art Mobil, Alfter bei Bonn
Humbolt-Universität, Berlin

2001
Galerie sphn, Berlin

2002
Galerie sphn, Berlin

Gruppenausstellungen (Auswahl)

1987
"Dritte Etage" Haus der Künstler, Jerewan

1988
Museum für Moderene Kunst, Jerewan
 Staatliche Galerie Armeniens, Jerewan

1996
Galerie Georg Nothelfer, Berlin
 Kulturbrauerei, Berlin

1999
Galerie Hüsstege, 's Hertogenbosch, Niederlande

2000
Kunstwettbewerb "Transfiguration", Jubiläum Rundfunkchor, Berlin
 Galerie De Rijk, Den Haag
 Internationale Kunstausstellung, Deichturnhalle, Hamburg

2002
Galerie De Rijk, Den Haag mit Tápies, Appel, Aleschinsky
 Deutsche Guggenheim Berlin mit Kunstauktion "Artanfall"

2003
"Nicht schwarz, nicht weiss", Galerie sphn, Berlin

Kunstmessen

1995
Art Cologne mit Galerie Nothelfer, Berlin
 mit Rauschenberg, Christo, Kounellis

2000
Kunst Rai Amsterdam mit Galerie De Rijk, Den Haag

2001
Sthlm Art Fair Stockholm mit Galerie sphn, Berlin

2002
Sthlm Art Fair Stockholm mit Galerie sphn, Berlin
 Kunst Rai Amsterdam mit Galerie De Rijk, Den Haag
 Art Forum Berlin mit Kunstauktion "Artanfall"

2003
Sthlm Art Fair Stockholm mit Galerie sphn, Berlin
Art Frankfurt mit Galerie sphn, Berlin