Wie lange bist du schon in Berlin?

Seit 1984.

Du kommst aus Italien?

Ich komme aus Italien, bin in Sizilien geboren..

Warum hast du Berlin gewählt?

Das ist eine gute Frage. Ich weiß es nicht. Mit 24 Jahren hast du keinen
präzisen Grund. Du gehst irgendwo hin und bleibst hängen. Das ist ein
Schicksal. Ich war in Palermo aktiv. Ich habe Theater gemacht, ich habe
Malerei gemacht. Später war ich ein Jahr in Venedig. Das war einfach Schicksal.
Danach bin ich nach Berlin gekommen. Zuerst hat es mir hier gar nicht gefallen,
es hat mich irgendwie gereizt. Ich kannte die Sprache nicht. Es war wie in
einem Vakuum. Intuitiv wollte ich ein gutes Umfeld haben, um Kunst zu
machen. So bin ich geblieben. Die ersten Jahre habe ich überlegt zurück zu
fahren, aber irgendwann habe ich auch Freunde gefunden, Ausstellungen
gemacht. Ich mag Berlin. Das ist eine offene Stadt, hat so unterschiedliche
Räume, unterschiedliche Leute. Aus diesem Grund bin ich froh.

Hast du in Italien Kunst studiert? Wie war deine Anfänge mit der Kunst, mit
der Malerei?

Eher sehr intuitiv. Ich habe das gleichzeitig mit Musik, Theater und Malerei
angefangen. Musik habe ich bald weg gelassen. Theater habe ich weiter
gemacht. Mit der Malerei habe ich in meiner Jugend experimentiert.

Du bist also ein Autodidakt, hast dir das selber beigebracht?

Ja.

Hast du einen Beruf erlernt? Hast du woanders gearbeitet, abgesehen davon,
dass du ein Künstler bist?

Gejobbt habe ich, auf einem Bau gearbeitet, kleinere Jobs gehabt, um Geld zu
verdienen. Ich habe keinen Beruf erlernt. Von 15 bis 24 habe ich Theater
gespielt. Berlin war der Ort, wo sich die Malerei entfalten hat.

Hast du irgendwelche Mal- und Zeichenkurse besucht?

Man braucht keinen Kurs, wenn man ein Künstler ist. Was willst du lernen?
Natürlich man kann viel lesen. Aber vieles kommt intuitiv. Ich war sehr
fleißig und habe mir alles selber beigebracht.

Welcher Maler hat dich besonders beeinflusst? Hast du Bilder anderer
Künstler gesehen und gedacht: „So möchte ich auch malen“?

So habe ich nie gedacht. Als ich 16 war, habe ich metaphysische Malerei
entdeckt, die Surrealisten, Dadaisten. Also diese Klassische Moderne. Das
hat mich sehr begeistert. Im gewissen Sinne kann ich Chirico als mein
Vorbild nennen. Auch wenn ich mich nicht so verbunden fühle. Es gibt einige
Elemente, die man als italienische Metaphysik bezeichnen kann. Die Kunst der
Renaissance hat mich sehr stark interessiert.. Aber es gibt keine
bestimmte Bewegung oder Maler, von dem ich das behaupten würde.

Wenn ich mir deine Bilder anschaue, sehe ich sehr viele Städtelandschaften.
Ist dies dein Hauptthema, das dich besonders interessiert?

Zur Zeit male ich keine Städte. Ich habe zwei Jahre sehr stark mit
Stadtlandschaften gearbeitet. Das war aber keine typographische sondern mehr
eine metaphorische Idee der Stadt. Zur Zeit male ich Landschaften. Die Themen
ändern sich, je nachdem, in welchem Zustand ich bin, was mich bewegt. Es ist
aber klar, die Stadt kommt immer wieder. Ich lebe in einer Stadt. Das ist
meine Umgebung.

Die Bilder, die ich hier sehe, sind das imaginäre Landschaften oder Städte,
ist das alles im Kopf entstanden?

Alles im Kopf. Das ist wie ein Traum, der von Assoziationen lebt. Ich fange
an zu arbeiten und in der Arbeit finde ich den Weg.

Musik und Theater machst du nicht mehr, oder?

Nein, das interessiert mich nicht mehr.

Lebst du von deiner Malerei?

Jeden Tag. Ja, die Frage ist schon wichtig. Ja, klar, lebe ich davon. Miete,
Strom und Gas müssen bezahlt werden. Ja, mehr oder weniger lebe ich davon.

Du bist vor 19 Jahren nach Berlin gekommen und die ganze Zeit hier
geblieben. Gab es Phasen, wo du weg warst?

Ja, in Italien war ich ab und zu und blieb ein oder zwei Monate.

Hast du keine Sehnsucht nach Italien, nach Sizilien?

Das habe ich hinter mir. Es gab eine Zeit, wo ich mit den Gedanken in Palermo
spazieren gegangen bin oder in Venedig, wo ich ein Jahr gelebt habe, aber das
hat sich irgendwann aufgelöst. Nicht, dass ich keine Sehnsucht habe. Es
reichen ein paar Tage, ein schlechtes Wetter, um nach der Sonne in Italien
Sehnsucht zu haben. Sonst nicht. Es gibt genug Sehnsucht in meiner Malerei.
Ich will mich nicht mein Leben lang mit Sehnsucht quälen. Sehnsucht in
diesem Fall wäre ein Konflikt und das möchte ich nicht. Es gab eine solche Zeit.
Es musste so sein. Es ging nicht anders, aber es hat sich aufgelöst.

Ist das für einen Künstler wichtig in einer Metropole zu leben. Kann er auch
isoliert in der Provinz existieren und schaffen?

Wenn er isoliert ist und schafft, dann ist es auch OK. Jeder schmiedet sein
eigenes Schicksal, sein eigenes Leben. Es gibt Leute, die in einer Stadt wie
Berlin nicht leben könnten. Es wäre zu hektisch, zu chaotisch. Es ist
schwierig in Berlin Fuß zu fassen. Wenn ein Künstler anfängt zu arbeiten,
muss er sich zurückziehen. Das Atelier ist für einen Künstler wie eine
Kapsel, wo er arbeitet. Seine Umgebung ist schon wichtig. Er muss selbst
finden, was er braucht.

Suchst du auch den Kontakt zu anderen Künstlern?
Brauchst du die Konfrontation mit ihnen?

Was wäre das Leben ohne das? Ich brauche keine Künstler. Ich brauche
Menschen. Schön, wenn es auch Künstler sind, aber ich brauche Menschen. Ich
brauche diese Auseinandersetzung, diese Konfrontation auch. Das braucht
jeder Mensch, was wäre das Leben ohne das. Ohne Beziehung existiert kein
Leben. Das ist sehr wichtig. Kunst wird nicht in der Schule gemacht. Kunst
wird gemacht, wenn du auf dich selber gestellt bist und aus dich selber
etwas machen muss. Die Akademie, was kann sie dir geben? Die Technik
vielleicht, bestimmte Denksysteme, ein bisschen Wissen. Das reicht nicht für das
ganze Leben.

Was brauchst du, um Kunst zu machen? Du hast schon gesagt: Leute. Was
inspiriert dich noch? Was ist notwendig für dich?

Denken ist für mich sehr wichtig. Reflexion über das, was ich höre und sehe,
was um mich herum passiert.

Brauchst du Anerkennung für deine Kunst, für das, was du machst? Müssen
deine Bilder gemocht und verstanden werden?

Gibt es einen Künstler, der das nicht braucht? Ich glaube, das gibt es nicht.
Keine falsche Bescheidenheit. Ich lebe von mir selber, ich male von mir
selber. Natürlich brauche ich das. Das Bild lebt davon, dass es jemand
betrachtet. Wenn das Bild keiner sieht oder keiner erlebt, sind die Bilder,
wie schlafende Objekte. Die Anerkennung ist sehr wichtig. Das bringt die
finanzielle Sicherheit. Du weiß, wie schwierig es ist, sich als Künstler
durchzuschlagen.

Viele Künstler beschweren sich, dass das größte Teil ihrer Arbeit Management sei.
Es reiche nicht nur zu malen. Das Resultat müsse auch bekannt
gemacht werden. Dazu gehören Kontaktknüpfen, Stipendiumsbewerbungen,
Organisieren von Ausstellungen usw.

Das ist sehr anstrengend. Aber das gehört dazu.

Du malst hauptsächlich auf der Pappe. Warum eigentlich?

Papier ist ein gutes Material. Es kostet nicht viel, lässt sich besser
lagern. Ich mag Papier sehr gern. Dazu gehört auch die Technik. Ich male
keine Ölbilder auch keine Acrylbilder. Es ist Ölpastell, was ich benutze.
Diese Technik ist für Leinwand gar nicht geeignet.

Du machst auch Skulpturen.

Ja, das sind Sachen von mir.

Ist das Gips?

Nein, es ist gebrannter Ton.

Das kannst du aber nicht hier brennen.

Nein, mein Backofen in der Küche ist nicht dazu geeignet. Ich habe das in
Glidow gemacht, in einer alten Ziegelei.

Es sind mehr gegenständische Bilder, die du malst. Man kann hier die
Gebäude, Figuren, Landschaften erkennen. Hast du probiert auch abstrakte
Bilder zu malen oder interessiert dich das gar nicht?

Ich finde, in der Gegenständigkeit liegt eine gewisse Abstraktion. Ich
betrachte meine Bilder als abstrakt. Man erkennt dort wahrscheinlich Gebäude
und Landschaften, im Grunde genommen sind das aber Abstraktionen.

Diese Landschaften hier sind das deine neue Arbeiten?

Wie du merkst, hier löst sich die Form auf. Ich habe von 2000 bis 2002
mit den Stadtlandschaften gearbeitet. Du kannst sehen, sie sind sehr streng
gebaut, durch diese Vertikale und Horizontale. Bei diesen Landschaften löst
sich das ganze auf. Es gibt keine Linien. Das ganze wird diffuser.

Ich finde sie sehr poetisch, geheimnisvoll, gleichzeitig sehr harmonisch in
der Farbgebung. Sie können sehr viele Assoziationen wecken.

Das ist gut.

Das Farbklima der neuen Bilder ist auch viel kälter als bei den älteren.

Ja. Ich bin distanzierter geworden.

Als ich die Informationen über dich im Internet gesucht habe und deinen
Namen in eine Suchmaschine eingetippt habe, bekam ich als Resultat vieler
Seiten mit dem Namen Madonia.

Die meisten davon sind Mafiosos.

Die Mitglieder des Cosa Nostra Organisation.

Ja, ich bin in bester Gesellschaft.

Vielen Dank für das Gespräch.