IIhre Mutter und Ihr Vater waren in der Widerstandsbewegung als die Deutschen Dänemark besetzt hatten. Sie waren aber gegen Gewaltanwendung.

Ja, sie haben nie geschossen. Die Dänen haben im Allgemeinen sehr wenig geschossen.

Wie wurde der Widerstand konkret ausgeübt?

Man hatte sehr viel erreicht Sie müssten meinen Film "Dummheit oder Verbrechen" über den Krieg in Skandinavien sehen. Man weiß nicht viel darüber. Es sind aber etwa 11.000 Sabotagen verübt worden. Aber Dänemark sollte für die Deutschen ein Musterland sein. Man hatte die Dänen auch besonders behandelt. Sie wurden wie Menschen behandelt, anders als das in Osteuropa der Fall war.

 Ich kann mir vorstellen, dass es in Dänemark, wie in jedem Land, das von Deutschen im II. Weltkrieg besetzt worden war, auch Leute gab, die diese Situation akzeptiert hatten oder sogar kollaboriert hatten.

 Mein Vater hat Flüchtlinge in unserer Wohnung versteckt. Aber es war die dänische Polizei, welche 1941 diese Leute geholt hatte. Es kam zu einer Schlägerei. Die dänische Polizei benahm sich wie die Deutschen. Im Jahre 1944 ist diese Polizei zu Widerstandskämpfern geworden und sind darum zu Deutschen KZ-Lager gesandt.

 Wurden Ihre Eltern als dänische Juden nicht von Nazis verfolgt?

Im Oktober 1943 wurden die dänischen Juden nach Theresienstadt deportiert. Aber sieben Tausend Juden wurden durch eine kollektive, spontane Aktion gerettet. Sie konnten mit Fischerbooten in das nicht besetzte Schweden fliehen.

In ihrem Film "Human Beings are Dancing Stars" gibt es eine Szene aus einem schwedischen Propagandafilm, in dem diese Rettungsaktion sehr gepriesen wurde.

 Dennoch ist Schweden mit daran schuld, dass der Krieg nicht zwei Jahre früher beendet werden konnte. Sie hatten Hitler das Eisen für die Waffenproduktion verkauft. Etwa 50% des gesamten Eisenbedarfs in Deutschland wurde während des Zweiten Weltkriegs von Schweden gedeckt. Schweden ist dadurch unermesslich reich geworden.

Sie haben zu diesem Thema mehrere Filme gedreht!

Ich habe drei Filme über diese Thematik gedreht. "Kein Hamlet auf Kronborg dieses Jahr" ist ein Film über die dänischen Widerstandkämpfer. Das Dokumentardrama "Hitler und wir auf Klamparestrasse" handelt von einem Arbeiter-Viertel in Göteborg. "Dummheit und Verbrechen" zeigt die Entwicklung in den drei nordischen Ländern Norwegen, Dänemark und Schweden zwischen 1930 und dem Ende des Krieges, die übrigens sehr ähnlich verlief. Dann gibt es auch einen Film über die isländischen und schwedischen Seemänner und ihren Widerstand während des Zweiten Weltkriegs. Ich habe ein Buch über die Zusammenarbeit zwischen Die Deutsche und Schwedische Militär Unterrichtdienst geschrieben.

 In diesem Buch behandeln Sie auch die Rolle des Militärs.

Es geht um die Zusammenarbeit zwischen Wilhelm Canaris und Schweden. Man kann den militärischen Dokumenten entnehmen, dass Schweden am Barbarossaplan teilnehmen wollte. Sie sollten mit einem bestimmten Anteil daran beteiligt sein, was aber von der Regierung schließlich nicht akzeptiert wurde. Trotzdem hatten sie die Schwedische Militär die Deutschen viel geholfen.

Sind sie jetzt, 60 Jahre nach dem Kriegsende, mit der Aufarbeitung des Themas und vor allem mit dem, was in der Öffentlichkeit bisher darüber erschienen ist, zufrieden?

Nein, bestimmt nicht. Das sehr zweifelhafte Verhalten des schwedischen Militärs während des zweiten Weltkriegs ist bis heute nicht richtig aufgeklärt worden. 1946 wurden alle Beamten des Sicherheitsdiensts sofort entlassen. Man muss dazu sagen, dass in jedem Land die Sicherheitsleute ihre eigene Politik führen. Nachdem ich das Buch geschrieben hatte, fand ich im Stockholmer Stadtarchiv ein Dokument über ein Treffen der schwedischen Nazipartei im Jahre 1937. Erstaunlicherweise wurden alle Leute, die an diesem Treffen teilgenommen hatten, später in den Sicherheitsdienst eingestellt.

 Das Buch ist 1995 erschienen. Welches Echo hatte es gefunden?

Ich finde das Buch immer öfter in den Bibliotheken, Universitätsbibliotheken. Das tut mir gut. Man kann darin sehr gut nachvollziehen, was sich in dieser Zeit in Dänemark und Schweden abgespielt hatte. In 20 Jahren werden alle Historiker darüber bescheid wissen. Man hatte aber direkt nach dem Krieg versucht das Verhalten des Militärs und der Regierung zu vertuschen und zu verleugnen. Man fragt sich auch, warum alle Sicherheitsleute direkt nach dem Krieg rausgeschmissen wurden? Das war eine interne Säuberung. Es war unmöglich sie zu behalten.

 Ihre Filme werden in Schweden sehr kritisch aufgenommen. Das Thema ist dort also noch immer ein schwieriges Feld? Und finden Sie denn einfach Geldgeber?

 Mein erster Film "Viggen" wurde von der Kritik gelobt! Dennoch muss man manchmal auch mit wenig Geld arbeiten.

 Glauben sie, dass auch ohne das Schwedische Filminstitut möglich wäre so etwas zu machen?

Nein, das wäre unmöglich gewesen. Das verändert sich auch sehr. Als ich in zum ersten Mal in Indien war, hatten wir ein enormes Gepäck. Schon allein die 50 Filmrollen in Eisen verpackt machte viel aus. Dazu die Kamera und die ganze Ausrüstung. Die Entwicklung der Filme und die ganze Postproduktion kostete enorm viel. In einem solchen Fall kann man das nicht alleine finanzieren. Heute nehme ich meine Kamera, fahre nach Palästina und filme selber.

 Welchen Zugang hatten Sie zu den Leuten dort? Waren sie damit einverstanden, gefilmt zu werden?

Das war eine optimale Situation. Wenn ich 80 Jahre alt gewesen wäre, hätte es noch besser funktioniert. Eine Dame meines Alters mit einer Kamera wirkt ganz unschuldig und ungefährlich. Natürlich Touristin, natürlich verwirrt! Das ist das Beste, was passieren kann. Wenn ich nicht alleine gewesen wäre, wäre das unmöglich und gefährlich gewesen in Palästina einen Film zu drehen.

Hatten sie Probleme mit den israelischen Behörden?

 Ich bin eine Jüdin.

 Wussten Sie schon vorher, was Sie drehen wollten?

Ich wusste gar nicht, dass ich filmen wollte. Ich wollte einen Film über Jerry Levin, den ehemaligen CNN-Chef im Nahen Osten machen. Er ist ein merkwürdiger Mann. 1982 wurde er von Hizbollah gekidnappt und saß ein Jahr in ihrer Gewalt. Man hat daraus eine große Propaganda gemacht. Es lief unter dem Titel "Mein Leben als Geisel". Das hat ihn wütend gemacht. Er hat während dieser Zeit eine ganz andere Auffassung bekommen. Dann ist er ein Aktivist in Palästina geworden. Er wurde monatelang an eine Wand gekettet. Hatte also genügend Grund, um Palästina zu hassen. Trotzdem blieb er in Palästina zehn Jahre. Das war mein Ziel. Ich wollte ihn porträtieren.

 In den Medien wird die Situation oft ziemlich einseitig dargestellt. Die Palästinenser sind Terroristen und Israeliten sind ihre Opfer.

Okkupation ist Okkupation. Ich  habe mich mit dem Thema sehr beschäftigt. Es ist dir nicht erlaubt, dein eigenes Leben zu leben. Du befindest dich in einer besonderen Situation. Ich kann sagen, dass die Deutschen in Dänemark während des zweiten Weltkriegs bessere Gentlemen waren als die Israelis in Palästina. Diese Jungs wurden mit dem Holocaust indoktriniert. Man wird ihnen gesagt haben: "Sie verfolgen uns immer noch, wir müssen uns verteidigen." Dann tun sie die schlimmsten Sachen.

 Einerseits bekommt man heute ein Bild eines modernen Staates Israel, der demokratische Strukturen entwickeln kann, der wirtschaftlich und wissenschaftlich hoch entwickelt ist. Auf der anderen Seite Palästina, dem eine eigenständige Entwicklung verwehrt wird.

 Ich solle eigentlich mehr Bilder vom modernen Palästina zeigen. Palästina ist ganz modern eingestellt. Palästinenser sind für ihre Ambitionen sehr bekannt. Viele gehen in die USA und nach Europa, um zu studieren - sie sind sehr tüchtig. Nach Palästina kam ich aus Jordanien. Die Landschaft in den Grenzgebieten zwischen Jordanien und Palästina ist sehr ähnlich. Die wirtschaftliche Situation aber sehr unterschiedlich. Die Städte in Jordanien wachsen sehr schnell, alles funktioniert. In Palästina sieht die Situation ganz anders aus. Die Straßen die zu den palästinensischen Dörfern führen, wurden von den israelischen Militärs aufgerissen. Man muss wissen, dass sich die israelischen Siedlungen Kilometer über Kilometer wie Schlangen durch die ganze Landschaft ziehen. Sie sind nicht wie Karawanen, wie man glaubt, sie sind stark institutionalisiert. Das habe ich in meinem Film auch nicht klar gemacht. Sie sind 30 Jahre alt. Sie sind wie gute, dänische oder deutsche Familienhäuser, sehr solide gebaut. Diese Menschen machen etwa 15 Prozent der gesamten Bevölkerung in Palästina aus. Sie nehmen aber 85 Prozent des Wassers. Den Rest bekommen die Palästinenser. Sie haben auch ihre eigenen Wege. Ich bin mit den palästinensischen Bussen gefahren. Wenn du nach Hebron willst, nimmt das dir als Palästinenser einen halben Tag. Man muss immer wieder aussteigen, die Barrikaden passieren und dann einen anderen Bus nehmen. Wenn man von Jerusalem nach Hebron auf dem Siedlerweg fährt, braucht man dafür 45 Minuten. So ist das mit Allem. Ich glaube, dass wegen der Checkpointe dort 10 oder 12 Menschen jede Woche sterben. Weil sie nicht zu Dialyse kommen oder aus vielen anderen Gründen. Ich habe von einem Mann gehört, dessen Vater starb, weil er nicht zur Dialyse über den Checkpoint kam, dann, zwei Wochen später hat seine Frau das Baby am Checkpoint geliefert weil sie auch nicht durchkam. Dann ist er Selbstmordattentäter geworden. Mich wundert das nicht. Wenn man sieht, wie sich die Israelis benehmen. Du wirst nicht, wie ein Mensch behandelt, du wirst, wie eine Kuh behandelt.

 Ihr Vater war der Auffassung, dass man keine Gewallt anwenden darf. Sind sie auch dieser Meinung?

 Ich komme immer mehr und mehr dazu. Wenn man sieht, was die Gewallt im Nahen Osten macht. Was ist das Resultat? Ich sehe nur Brutalität und Verlogenheit. Wo sind die Resultate? Ja, Hitler ist so geschlagen worden. Wenn man einen wahnsinnigen Gegner, wie Hitler hat, dann hilft vielleicht nichts anderes. Vielleicht wird man im Irak zuletzt sehen, dass ein Generalstreik mehr Erfolg gehabt hätte als Bombenattentate. Ich weiß es nicht.

Wie beurteilen sie diese Attacken?

Was macht das eigentlich? Wenn man die Leute sieht und denkt, dass in jedem Rücksack eine Bombe versteckt sein könnte, macht das die Leute kreativer? Macht das den Frieden möglich? Der dänische Widerstand hat sehr wenig Leben gekostet. Die Dänen wussten, wenn ein deutscher Soldat getötet wird, dann werden 10 dänische Zivilisten sterben. Das hat man vermeiden wollen. Deswegen hat man nur materielle Sachen gesprengt. Der Krieg hat in Dänemark, ein par tausenden das Leben gekostet. Illegaler Widerstand muss es geben, gegen den Gegner. Man hat dazu eine Berechtigung.

 Bedeutet das, dass die Pipeline- oder Ölraffineriezerstörung, die in Kuwait und Irak praktiziert wurde und wird, eine Legitimation hat?

Es hat doch zu einer der größten Naturkatastrophen geführt. An der Nordarabischen Küste kann man riesige Asphaltfelder antreffen, die durch die Ölspülung entstanden sind. Sie sind 50 m tief. Im Herbst war ich in Trinidad und habe dort die ganzen Asphaltseen gesehen.

 Noch einmal zu ihrem Film "Human Beings are Dancing Stars". In dem Film haben sie den palästinensischen Terror nicht thematisiert. Man sieht nur die israelischen Panzer und es wird darüber gesprochen. Wie kann man als Jüdin einen solchen Film drehen ohne diese Attentate zu thematisieren.

Was mich an Irak, Indien oder Südafrika interessiert hatte, ist die Auswirkung auf die Zivilbevölkerung. Das ist dasselbe mit dem Widerstandskampf in Dänemark. Die andere Geschichte kennt man ja. Ich wollte wissen, welche Auswirkung das auf die Frauen und Kinder hat. Ich weiß nicht, ob die Leute durch meinen Film klüger geworden sind. Ich glaube aber, dass es sehr  wichtig ist, dass auch eine alternative Information gezeigt wird. Die Palästinenser befinden sich in einer unmöglichen Situation. Wenn die Mauer fertig ist, dann werden sie, wie auf Inseln leben. Ökonomisch ist das unmöglich. In der Westbank leben etwa 1,6 Millionen Menschen. In jedem Haushalt leben 6 oder 7 Personen. Durch den Mauerbau werden etwa 128.000 Häuser in vier Jahren demontiert. Es werden auch ca. 360.000 Olivenbäume vernichtet. Das ist für Palästinenser das wichtigste Produkt.

Wie reagierten Israelis auf diesen Film?

Nach der Vorführung gab es eine sehr besondere Stimmung. Im Publikum gab es nicht nur Juden, die hier in Deutschland leben, auch Juden aus Israel. Sie wollten das gar nicht wahrnehmen. Es gab immer ein "Aber". Es gibt viele Israelis, die von der Situation gar nichts wissen. Seit fünf Jahren dürfen sie gar nicht nach Palästina fahren. Die meisten haben ihre Kinder in der Armee. Viele sind Nationalisten. Viele meinen: "Wir werden verfolgt und wir müssen uns deshalb verteidigen".

Vielen Dank für das Gespräch.