Du bist mit 10 Jahre nach Deutschland gekommen. Hast Du die deutsche Sprache damals schon beherrscht?

Da meine Mutter Deutsche ist, hätte ich eigentlich Deutsch sprechen können. Aber in Spanien haben wir untereinander nur Spanisch gesprochen. Als ich nach Deutschland kam, wurde ich ins kalte Wasser geworfen. Es war schon ein Schock. Mehr aber ein Kulturschock. Mit der Sprache war das kein großes Problem. Kinder lernen sehr schnell. Das kenne ich auch von den türkischen Kindern, die hier mit fünf oder sechs Jahren nach Deutschland kommen und die Sprache schnell lernen müssen. Schwieriger war für mich damals, dass ich von den Kindern in der Klasse als eine Fremde wahrgenommen wurde.
Wir lebten in Tübingen und dort wurde dazu noch vorwiegend Schwäbisch gesprochen, was eine zusätzliche Schwierigkeit ausmachte.

Was war für Dich am Schwierigsten in dieser Situation?

Das kann man nicht so schnell wiedergeben. Das war eine Menge von vielen kleinen Dingen, die sich in der Erfahrung summieren. Ich glaube, dass das Schlimmste für mich war, als Gastarbeiterkind wahrgenommen zu werden. In dieser Zeit kamen viele Gastarbeiter nach Deutschland – aber als Kind wusste ich gar nicht genau, was ein Gastarbeiter ist.
Es wäre aber auch nicht schlimm gewesen, wenn ich ein Gastarbeiterkind gewesen wäre. Aber dennoch hatte mich gestört, immer diesen Stempel von Außen aufgedrückt zu bekommen, ohne dass es jemanden interessiert hätte aus welchem Background ich wirklich kam. Es ging mir aber auch gar nicht darum, was meine Eltern waren, es ging mir nicht darum, dass ich aus Spanien kam. Es gab sogar Kinder, die mich gefragt haben, ob man in Spanien auch Fahrräder kennt! Ich habe erst später begriffen, dass ich solche Erfahrungen auch mit anderen Menschen, die aus dem Ausland nach Deutschland gekommen sind, teile.
Oft werden den Menschen negative Dinge vorgebracht, selten ist man wirklich neugierig.
Die Menschen kannten Spanien nur aus dem Urlaub und scheinbar war außer Sonne, Strand, Paella und Flamenco nichts anderes in der Erinnerung hängen geblieben.

War der Abschied von Spanien schwierig für Dich?

Ich fand das ganz schrecklich. Ich hatte nicht nur Freunde, sondern auch Familie, Cousinen und Cousins. Sie waren plötzlich alle weg. Ich hatte zwar auch Familie in Deutschland, die kannte ich aber nicht so gut. Der Wechsel war sehr dramatisch.
Es sind auch ganz viele Kleinigkeiten, die mir von dem Wechsel nach Deutschland in Erinnerung geblieben sind. Z.B. habe ich gelernt, dass die kleinen Kinder am Wochenende immer die Familie begleiten müssen. Das war für mich ganz neu. Wenn ich mich am Sonntag mit meiner Mitschülerin verabreden wollte, ging es nicht, weil sie bei ihren Eltern bleiben musste oder Café trinken und Spazieren gehen musste. In Spanien hatten sich immer Kinder und Eltern getrennt voneinander getroffen. Das ist vielleicht banal, aber das Leben besteht nun mal aus solchen kleinen, alltäglichen Situationen. Gefühle sind schließlich auch mehr als nur die Aneinanderreihung von einzelnen Erinnerungen.

Wie lange bist Du in Tübingen geblieben?

Bis zum Abitur. Das war eine wichtige Zeit. Damals war ich aber auch sehr gerne in Tübingen. Ich mag diese Stadt auch nach wie vor. Sie ist ein Teil meines Heimatpuzzles.

Dann bist Du nach Berlin gegangen. War das eine bewusste Entscheidung?

Ich hatte mich damals bei der DFFB erkundigt und sie haben mir gesagt, dass sie nicht so junge Leute nehmen. Ich sollte erst einmal etwas anderes machen im Bereich Regie. Ich war zwar traurig, fand es aber auch vernünftig.
Ich bin dann ein Jahr nach Madrid gegangen und habe so zu sagen nach meinen Wurzeln gegraben. Ich wollte aber dort nicht studieren, weil das Studium dort sehr verschult ist.
Ich bin dann nach Berlin, weil Berlin eine sehr faszinierende Stadt ist. Vor allem in den 80er Jahren war Berlin sehr interessant.

Warum wolltest Du Filme machen?

Das ist schwierig zu beantworten. Ich wollte eigentlich nie etwas anderes machen.
Ich hatte mich schon früh für Theater und Film interessiert und habe auch selbst Theater gespielt, aber wollte nie Schauspielerin werden. Ich war immer mehr an den Geschichten interessiert, was wahrscheinlich daher kommt, dass mein Vater Schriftsteller ist.
Vielleicht war ich etwas zu alt für den ersten Film. Aber ich habe es nie bereut, dass ich so spät angefangen habe. Mich hatten viele verschiedene Dinge interessiert, und es war für mich sehr wichtig, mich politisch zu engagieren.

Das sieht man auch in Deinen Filmen. Sie sind stark sozial und politisch engagiert. In Deinen Filmen erkennt man auch das Interesse für Menschen, die Fremde sind oder anders.

Ich möchte keinen Film ohne Bezug auf den aktuellen, sozialen Kontext realisieren.
Das hat auch sicher viel mit meiner Biographie zu tun. Ich habe bemerkt, dass ich mich sehr für Mischung interessiere. Mich interessiert, was aufeinander prallt. Mich interessiert nicht so sehr das, was wunderbar, harmonisch passt und wo sowieso alle Fragen gelöst werden. Mich interessiert, wenn sich Reibungen entwickeln, weil man ganz einfach fremd ist oder anders ist. Das finde ich spannend. Ich finde es spannend, weil ich glaube, dass es mehr Gemeinsamkeiten gibt als wir gemeinhin denken. Die sind aber sehr oft nicht offen sichtbar. Wie in meinem Film „Sternschnuppe“: Dort gibt es drei Ebenen: Jemand aus Polen, eine Spanierin und es spielt in Berlin und dazu noch in einem Varieté, was auch eine andere Welt ist.

Du hast „Sternschnuppe“ angesprochen. Wie entsteht so ein Film? Wann kommt die Idee? Ist das ein Zufall oder wächst das langsam zusammen?

Es ist ganz unterschiedlich. Für „Sternschnuppe“ entstand die Idee zu dem Grundgerüst der Geschichte auf dem Weg nach Spanien. Im Flugzeug habe ich zwei Seiten aufgeschrieben. Das ist physisch im Flugzeug passiert aber es kommen noch viele andere Sachen zusammen. Ich habe eine Freundin, die Trapezkünstlerin ist. Sie hat auch später die Schauspielerin trainiert. Sie hat mich immer wieder zu ihrer Vorstellung eingeladen und ich lernte viele andere Künstler dort kennen. Dazu kam eine andere Geschichte. Ich habe Spanier kennen gelernt, die illegal auf einem Bau gearbeitet hatten und half ihnen, als sie ihr Geld nicht erhielten. Ich half beim Dolmetschen. Auf diese Weise habe ich einen Einblick in ihre Situation bekommen. Das betrifft leider auch andere Arbeiter, z.B. Leute aus Polen. Im Prinzip ging es mir darum, ähnlich wie bei „Last Minute“, hinter die Kulissen zu gucken.
„Pole“ ist so etwas wie ein Abziehbild. Das sind eigentlich keine Menschen, sondern illegale Bauarbeiter, da gucken viele nicht hinter die Kulissen. Ich wollte zeigen, dass hinter diesen anonymen Bezeichnungen Menschen mit Seele und Gefühlen stehen.

Dieser Film war noch ein Projekt während Deiner Ausbildung?

Wir haben diesen Film für das ZDF gemacht aber es war auch eine Übung für die Schule. Auf der Schule hatten wir verschiedene Filmübungen und das war die dritte. Das war die letzte vor dem Diplom. Ich musste nicht lange nach Finanzierungsmöglichkeiten suchen und die Schule hat die ganze Technik zur Verfügung gestellt. Das Drehbuch für „Sternschnuppe“ habe ich nicht alleine geschrieben. Die zwei Seiten – die Grundidee, habe ich einer Autorin gegeben und sie hat das Drehbuch geschrieben. Das habe ich dann später noch überarbeitet. Bei „Last Minute“ war es anders. Dort habe ich auch alles von Anfang an, vom Exposé bis zum Drehbuch, selber geschrieben. Das war mein eigenes Baby.

In Last Minute geht es um eine ganz andere Geschichte. Wie bist darauf gekommen einen Film über eine kurdische Problematik zu drehen?

Die Idee hatte verschiedene Stränge. Zuerst wollte ich einen Dokumentarfilm über Kurden machen. Sehr schnell hatte ich aber bemerkt, dass es sehr schwer ist, als Außenstehende an Informationen zu kommen. Es ging anfangs um die PKK-Geschichte und den Terrorismus. Daraus ist aber nichts geworden. Ich habe unheimlich viel recherchiert und dann gedacht, es wäre eigentlich schade, wenn mit diesem Material überhaupt gar nichts gemacht würde. Es ist natürlich etwas völlig anderes daraus geworden. Der Film wurde dann nicht speziell auf Kurden zugeschnitten. Es hätte auch ein Afrikaner sein können, der im Film abgeschoben wurde. Seinen Namen, „Kawa“, habe ich von einer kurdischen Legende abgeleitet. Auch andere Bezüge zu einer kurdischen Problematik hatte ich aufgebaut, aber es wurde nachher nicht alles in den Film übernommen. Zum Beispiel gab es ursprünglich Szenen, in denen er erzählte, wie sein Dorf bombardiert wurde. Die haben wir dann raus genommen, weil es zu überfrachtet gewesen wäre. In dem Film kommen auch zwei Putzfrauen vor. Während meines ersten Studiums, hatte ich auch als Putzfrau gejobbt. Ich fand es immer sehr faszinierend, dass Putzfrauen überall reinkommen. Die haben Schlüssel für alle Räume und werden im Prinzip auch nicht wahrgenommen. Sie können natürlich nicht alles, sie können aber ganz viel machen, weil sie eben, wie ein Möbelstück behandeln werden, was aber laufen kann. Bei „Last Minute“ ist das alles sehr gesetzt. Alle Türen würde eine Putzfrau natürlich auch nicht öffnen können. Das ist ein Märchen.

Der Film ist sehr kritisch. Es werden dumme Polizisten gezeigt, die den Flüchtling nicht finden können. Dann die Sicherheitslücken auf dem Flughafen, wo man solche Menschen rausschleusen kann. Hattest Du keine Schwierigkeiten deswegen bekommen?

Nein, gar nicht. Der Film wurde vom Sender finanziert und von der Filmförderung. Und das war nie ein Thema. Die Redakteurin von RBB, die das hauptsächlich gemacht hat, ist sehr offen. Sie ist sehr kritisch und fand gerade diese Idee sehr gut.

Gab es andere Schwierigkeiten bei der Entstehung oder verlief alles glatt?

Oh Gott. Es war sehr schwer. Es gab wenig Geld für einen so aufwändigen Film. Bei den Dreharbeiten auf dem Flughafen musste ich mich sehr begrenzen, weil wir nicht so viele Tage drehen konnten. Ich hätte gerne ein bisschen mehr gedreht. Ein paar Sachen habe ich dann ausgelassen. Eigentlich wollte ich vieles besser machen, wir mussten aber unheimlich schnell sein. Es war kein Geld mehr vorhanden, mehr Tage zu bezahlen. Was ich sehr schade fand, war die Tatsache, dass sich die Produktionsfirma für den Film später überhaupt nicht engagiert hat. Sie haben nicht einmal eine Filmkopie gemacht, obwohl das im Budget vorgesehen war. Dabei habe ich viel gelernt. Vieles muss man vorher klären.

Als Kind oder Jugendliche träumt man von dem Beruf eines Regisseurs. Die Realität sieht dann ganz anders aus. Man ist von so vielen Leuten abhängig, die mitentscheiden wie der Film aussehen soll.

Ja, das ist hart. Ich wurde von der Produktionsfirma sehr enttäuscht. Zum ersten Mal, glaube ich, richtig an eigener Haut gespürt zu haben: Film ist ein Medium, wo sehr viel Geld im Spiel ist und da gibt es auch schnell andere Interessen. Mein Interesse ist, einen guten Film zu machen und ihn dann auch möglichst viel zeigen zu können. Ich habe bemerkt, das ist nicht unbedingt das Interesse von allen. Das ist das Problem. Die Produktionsfirma verdient mit dem Geld der Sender und der Filmförderung und wenn der Film abgedreht ist, verdienen sie nicht mehr. Auf der anderen Seite war das aber auch nichts Neues für mich. Wenn man politisch aktiv sein will ist es genau so. Du hast ein Ideal und willst etwas verändern und rennst auch gegen die anderen, die etwas anderes wollen oder gegen bestimmte Zustände an.
Aber ich werde nach wie vor Filme machen und diese Problematik wird sich wiederholen. Ich werde immer alle dafür begeistern müssen. Aber es gibt auch schöne Erfahrungen. Z.B. von Seiten der Schauspieler. Sie waren alle sehr begeistert von dem Drehbuch, haben auch für ganz wenig Geld mitgemacht. Da macht man auch schöne Erfahrungen. Die Petra Kleinert z.B., die die Hauptrolle spielt, die kriegt normalerweise Gagen, die wir gar nicht hätten zahlen können und sie sagte: ich mache das. Sie sagte, dass sie das für eine wichtige Geschichte hält und dass sie es deswegen machen will. So war das auch mit dem Team. Sie haben alle nicht ihre normalen Gagen bekommen. Trotzdem haben viele gesagt, dass sie dahinter stehen.

Nachdem ich ein paar Filme von Dir gesehen habe, bekam ich vielleicht den falschen Eindruck, dass in Deinen Filmen Frauen sehr oft die Opfer von Männern sind. Ein Mann ist oft der Verursacher eines Unglücks einer Frau.

In „Abschied“ ist es eindeutig der Fall. Aber sonst? Im „Sternschnuppe“ haben wir z.B. diese Trapezkünstlerin, die dem polnischen, illegalen Bauarbeiter helfen will. Sie ist bereit mit ihm in eine Scheinehe einzugehen. Sie macht das aus Liebe. Ganz am Ende wird sie jedoch enttäuscht. Er verspricht ihr, zu ihrer neuen Solonummer zu kommen und kommt nicht. Aber er kann nichts dafür. Er wird festgenommen. Die Trapezkünstlerin sehe ich gar nicht als Opfer. Erstens ist sie in ganz anderer Position als er. Sie ist sozial die Stärkere. Sie hat eine Arbeitserlaubnis, sie kommt aus einer Mittelschichtfamilie, hat einen exotischen Beruf, der zwar kein Geld bringt, den sie aber deswegen machen kann, weil sie im Hintergrund Geld hat. Sie leidet nur, weil sie verliebt ist.

Im Laufe des Films muss sie auch ständig auf ihn warten.

Weil er zu spät kommt. Aber das ist eigentlich mehr ein Spiel. Es ist das Bild von männlichen Spaniern, die immer zu spät kommen. Das ist eher ein Augenzwinkern von mir. Das war auch für mich keine Liebesgeschichte, die das ganze Leben hält.

Dennoch scheint mir, dass die Frauen in deinen Filmen keine glücklichen Frauen sind. Sie leiden oft. Dein letzter Film „Last Minute“ endet zwar mit einem Happy End, die beiden Hauptdarstellerinnen bleiben aber weiter ihren Problemen verhaftet. Eine wird von ihrem Mann betrogen, die andere wird schwanger und weiß nicht von wem.

Aber sie sind keine Opfer, finde ich. Sie haben ihre Stärken. Was mir wichtig ist, ist zu zeigen, dass die Frauen Subjekte sind. Das hat nichts mit Leiden oder nicht Leiden zu tun. Da gehört Glück, Leiden und Handeln dazu. Trotz des Leidens und trotz ihrer schlechten Situation handeln sie noch. Ich ärgere mich unglaublich leidenschaftlich über die „normalen“, verbreiteten Frauenbilder im Film. Das finde ich ganz schrecklich. Diese hübschen, dünnen Häschen…

In „Barbara saß nah am Anhang“ erzählst Du in einem Dokumentarfilm eine Geschichte einer Frau, die ihren Traum, Solosängerin in einer Oper zu werden, nicht erfüllen kann.

Der Film ist ein bisschen traurig. Ich denke oft, ich müsste vielleicht eine Fortsetzung von diesem Film machen, vielleicht in zehn Jahren. Sie wird natürlich nicht Maria Callas werden. Das ist klar. Vielleicht ist es aber trotzdem schön, wenn man nicht Maria Callas ist. Ihre Geschichte ist tragisch, weil sie ihre Träume so hoch gehängt hat, dass sie nur unglücklich werden kann. Wenn ich angefangen hätte Filme zu machen mit dem Wunsch, ich werde Fellini, wäre ich jetzt auch unglücklich. Natürlich bin ich nicht Fellini. Der Film ist tragisch, weil sie an diesen zu hohen Ansprüchen scheitern muss, es geht gar nicht anders. Das traurige dabei ist, wenn sie nicht Maria Callas ist, aber denkt immer sie muss Maria Callas sein, erkennt sie gar nicht, was sie tolles machen kann.

Wovon handelt Dein nächster Film?

Er wird ganz anders und ich bin selbst ein wenig überrascht, weil der Film in einem rein deutschen Kontext stattfinden wird. Das finde ich eigentlich etwas unheimlich. Die Hauptfigur ist eine Deutsche und die männliche Hauptfigur ist auch ein Deutscher und das spielt alles in Berlin und Schwaben.
In einem anderen Projekt, das schon weiter entwickelt ist, geht es um eine spanische Gastarbeiterin in Berlin. Es wird ein bisschen schwieriger, weil der Film mit Rückblenden arbeiten wird. Die Protagonistin ist 62 und erfährt etwas, was für sie sehr schrecklich ist und der Auslöser für ihre Erinnerungen an ihre ganze Kindheit, Jugend und an die Ankunft in Deutschland sein wird. Ein Thema, das hierzulande ein wenig in Vergessenheit geraten ist.
Es geht mir um die Darstellung dieser ganzen Maschinerie der Anwerbung von Gastarbeitern.
Sie reisten in Sonderzügen an, hatten Schilder um den Hals mit einer Nummer. Sie wurden auf die Fabriken verteilt, je nach dem, wo Kräfte gebraucht wurden.
Die Logik und die Effizienz mit der das gemacht wurde, sind beklemmend. Sie wurden medizinisch gecheckt und wenn sie irgendwas hatten, wurden sie zurück geschickt. Es war auch ganz klar, dass die Gastarbeiter nur für ein oder zwei Jahre kommen sollten und dann wieder nach Hause gehen sollten. Das war bekanntlich Wunschdenken, aber deswegen hatte Deutschland so lange keine Integrationspolitik gehabt. Ich will das Beklemmende dieser Behandlung zeigen. Es geht aber auch um die Beziehung dieser Frau zu ihrer Tochter, die in Deutschland geboren und aufgewachsen ist. Die Tochter erfährt im Laufe der Geschichte vieles aus der Vergangenheit ihrer Mutter und entdeckt somit auch ein Stück weit, woher sie selbst kommt.

Heute scheint sich das Bewusstsein dieser Zeit gegenüber verändert zu haben und es wird betont, dass Deutschland nicht ausländerfeindlich ist. Siehst Du das auch so?

Das stimmt leider nicht. Es gibt kleine Schritte, die nicht schlecht sind. Es wird endlich zugegeben, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Das hat ja ewig lange gebraucht. Ich finde, dass Deutschland schon in der ganzen Haltung sehr borniert ist. Das fängt schon damit an, dass nur derjenige Deutscher ist, welcher deutsches Blut hat, was selbstverständlich absurd ist, weil das deutsche Blut schon immer gemischt war. Es ist auch absurd, dass Türkeistämmige der dritten Generation, die hier geboren wurden, nicht als Deutsche gesehen werden, sondern immer noch als Ausländer tituliert werden. In anderen Ländern, wo man einfach dann die Nationalität hat, wenn man dort geboren ist, ist die Zugehörigkeits-Schwelle nicht so hoch. Ich war z.B. ganz geschockt Folgendes zu erfahren. Meine Mutter hatte für mich 1975 die deutsche Staatsangehörigkeit beantragt, vorher war das gar nicht möglich gewesen. Bis 1975 waren die Kinder von deutschen Frauen, die ausländische Männer geheiratet haben, Ausländer. Das alleine zeigt ja schon, wie absurd das ganze ist. Das sind Dinge, die einfach zeigen, wie schwer es hier den Politikern, aber auch den Menschen fällt, zu akzeptieren, dass man einfach durchlässiger sein könnte.

Es gibt aber auch Menschen, die schon zehn, zwanzig Jahre in Deutschland leben und kein Deutsch sprechen. Oft hat man den Eindruck, dass sie kein Interesse haben Deutsch zu lernen.

Das mag auch bei manchen so sein. Aber dieses Problem hat viel mit den Anfängen der Einwanderung in den 60er Jahren zu tun. Seitdem wurde in der ganzen Zeit keine Sprachpolitik betrieben. Es wurden keine Anstrengungen unternommen, richtige Deutschkurse anzubieten, kostenlos oder für wenig Geld, damit die Familien Deutsch lernen können. Man hat immer geglaubt, dass sie bald wieder gehen werden. Und den betroffenen Menschen wurde mit dieser Haltung begegnet. Jetzt wundern sich einige und sagen, die wollen ja gar nicht. Wenn ich 40 Jahre lang erzählt bekomme, ich soll wieder nach Hause gehen und auch Kinder, die hier geboren wurden, als Ausländer bezeichnet werden, dann sollte man sich nicht wundern. Ich halte es für sehr wichtig, dass sie auch Deutsch lernen. Aber es ist auch wichtig, dass sie die Sprache ihrer Eltern reden. Da bin ich vielleicht anderer Meinung als manche Politiker. Ich finde auch wichtig, dass Kinder ihre Familientradition erhalten können. Das heißt ja nicht, dass sie deswegen schlechter Deutsch lernen. Mich wundert es auch sehr, dass es seit 40 Jahren keine türkisch-deutsche Schulen gibt. Es gibt eine hier in Kreuzberg, eine türkisch-deutsche Europaschule. Das ist die erste.

Ein anderes Problem besteht darin, dass z.B. die Türken, die hier geboren sind, weder gut Deutsch noch gut Türkisch sprechen. Wenn sie in die Türkei kommen, sind sie dort auch Ausländer.

Und das ist tragisch. Es wäre wichtig beide Sprachen zu pflegen. Sie müssen sowohl gut Türkisch als auch hervorragend Deutsch sprechen lernen. Das ist ein komplexes Problem. Ich würde mich freuen, wenn man sich bald von dieser Integrations-Debatte verabschieden könnte. Es sollte statt Integration lieber das Wort Interaktion verwendet werden. Das Wort Integration finde ich sehr merkwürdig, es gefällt mir nicht so richtig.

Es hat einen Beigeschmack von Unterordnung?

Das deutet auf ein Problem in Deutschland hin, was darin besteht, dass Deutschland oft als monolithische Kultur verstanden wird. Das ist Quatsch. In Deutschland gibt es verschiedene Werte, es gibt Leute, die glauben, es gibt Leute, die nicht glauben, es gibt Leute, die protestantisch sind, es gibt Leute, die Buddhisten geworden sind, es gibt verschiedene politische Überzeugungen, es gibt Spätzle und Knödel und Kebab und Gulasch... Man tut so, als sei Deutschland ein einheitlicher Werteblock. Ist es aber nicht! Man sollte also mehr über Interaktion reden, davon reden, wie man sich gegenseitig befruchten kann.