Sie leben seit 1990 in Berlin. Welches Verhältnis haben Sie zu dieser Stadt.

Ich bin damals aus privaten Gründen nach Berlin gekommen. Aber ich fand Berlin schon immer sehr faszinierend. Vor allem die Zeit um 1988 war sehr interessant. Damals konnte ich die noch bestehende Grenze ohne Probleme passieren. Es gab Tage an denen ich fünf Mal hin und her gefahren bin. Es gab damals noch diese Merkwürdigkeiten: Die U6 fuhr noch unter dem Osten hindurch. Da gab’s zwei Stationen: „Stadion der Weltjugend“ und „Schwarzkopfstrasse“, die Geisterstationen waren. Damals war das noch ein merkwürdiges Gefühl dort durch zu fahren. Aber ich wäre nicht erbaut darüber, wenn es auch heute noch wäre.

Wie haben Sie diese Grenzgänge erlebt? Erinnern Sie sich noch an den Grenzübergang Friedrichstraße, der heutige Tränenpalast?

Ja, natürlich. Ich war damals 17. Ich glaube, meine Panik beim Überqueren der Grenze kam erst viel später. Mehr Ängste hatte ich zum Beispiel an der Grenze zwischen Ungarn und der Slowakei. Das war immer ganz grässlich.
Ich dachte aber damals, dass diese Grenze zwischen Ost- und West-Berlin nicht sehr viel mit mir zu tun hat, weil sie zwischen Deutschen und Deutschen war und nicht zwischen mir und denen. Aber diese Umbruchzeit, vor allem die ersten drei Jahre, waren sehr schwer.
Ich lebte von nur 180 DM, die ich interessanterweise vom Staat bekam aber ursprünglich vom DDR-Staat – mein damaliges Stipendium. Es war in vieler Hinsicht eine Umbruchzeit. Viele Leute waren sehr hysterisch, auch an der Uni. Es hat schließlich ganze fünf Jahre gedauert bis die meisten Dozenten ihre Stellen sicher hatten. So verging mein Studium und tatsächlich hat sich herausgestellt, dass ich auch fachlich etwas gelernt habe, obwohl ich erst nach zwei Diplomen angefangen hatte zu denken. Ich habe diese Diplome bekommen, ohne denken zu können!

Wie oft sind Sie nach Ungarn gefahren?

Zwei, drei mal im Jahr. Das war auch anstrengend, kostete Geld, half auch nicht wirklich weiter. Das ist auch bis heute so.

Hatten Sie auch einen Studentenjob?

Natürlich. Ich war zwar keine Kellnerin, weil ich Zigarettenrauch nicht leiden kann, aber ich war immer Schreibkraft - nach dem Beispiel meiner Mutter. Schreibmaschinen schreiben habe ich mir selber beigebracht als ich 11 war. Als ich noch in Ungarn studiert habe, brauchte ich keinen Job. Es gab ein staatliches Stipendium. Das waren 900 Forint. 600 hatte das Wohnheim gekostet, 300 blieben für Essen, Kleidung, Bildung. Für 10 Forint gab es in der Mensa „Karpatia“ - Spinat. Ich weiß nicht mehr, ob mit Ei oder ohne Ei. Es war ein ziemliches Bohemeleben. Das war auch sehr anstrengend. Eine Katastrophe war es, wenn ich mir ein paar Würstchen geleistet hatte für das Wochenende und jemand sie mir aus dem gemeinsamen Kühlschrank stahl.

Sprachen Sie schon damals gut Deutsch?

Ich komme aus einer zweisprachigen Familie, aus einer Schwaben-Familie.
Die Linie meiner Mutter sind deutschsprachige Kroaten. Und zwar war das so. Von Maria Theresa wurden in dieser Gegend um den Neusiedlersee Kroaten angesiedelt. Manche behielten ihre Sprache aber viele haben das Kroatische nach zwei Generationen verloren und sprachen Deutsch. Meine Großmutter ist eine Sumalowitsch, kann aber kein Wort Kroatisch - ihre Muttersprache ist Deutsch respektive ein österreichischer Dialekt, der dort gesprochen wird. Das ist auch die Muttersprache meiner Mutter, obwohl sie im Kindergarten zwar Ungarisch wie auch ich gelernt hatte. In meiner Familie wurde dieser Dialekt gemischt mit ungarischen Wörtern gesprochen, ich habe als Kind auf Ungarisch mitgeredet. Mit anderen Worten, wir haben immer mit einer fremden Sprache miteinander gesprochen. Von daher bin ich mit der deutschen Sprache aufgewachsen. Außerdem gab es auch das österreichische Fernsehen, dadurch habe ich passiv das so genannte Hochdeutsch trainiert.
Meine Kenntnisse waren als Kind aber ein deutscher Dialekt, den ich nicht sprach und ein Hochdeutsch, das ich nicht sprach. Als ich aber ins Gymnasium kam, in eine Sprachspezialklasse, hatte ich eine wunderbare Deutschlehrerin, die mich dazu gebracht hatte, auf Deutsch zu reden und zu schreiben.

Wie waren die Verhältnisse zwischen den einzelnen ethnischen Gruppen in Ungarn?

Eigentlich leben dort die drei Ethnien ziemlich friedlich miteinander. Es gibt Dörfer in denen nur Ungarisch gesprochen wird, es gibt Dörfer, die ursprünglich Deutsch waren und es gibt Dörfer wo Kroaten leben. Interassenterweise haben die Kroaten mit den „Schwaben“ sehr wenig Kontakt. Die Ungarn vermitteln zwischen ihnen. Sie sind der gemeinsame Nenner. Es gibt die üblichen Vorurteile. Meine Oma war in einer sehr guten Position. Sie ist nämlich in diesem Grenzstreifen geboren und empfand sich weder als Österreicherin, noch als Deutsche, noch als Ungarin und konnte demzufolge sich sehr skeptisch über alle äußern.
Und natürlich, das habe ich auch in einer Geschichte beschrieben, wurden die Ungarn, die Deutsch sprechen, als Nazis beschimpft. Das war auch bei uns so.
Dieses galt nicht nur bei den „dummen kleinen Kindern“ sondern auch bei den Erwachsenen: „Die Deutschen waren Faschisten und zuständig für den Krieg und wir, wir sind Ungarn. Wir sind die Opfer“. Ich habe schon damals gewusst, dass das idiotisch ist. Man kann noch nicht einmal sagen: „Moment mal, ihr seid Verbündete“. Niemand hat die Ungarn dazu gezwungen im XIX. Jahrhundert die Judengesetze zu erlassen. Dennoch wollen die Leute das nicht verstehen. Aber alltägliche ethnische Spannungen gab es nicht. In unserer Familie gab es auch Vorurteile. Die Ungarn seien nicht zur Kommunikation bereit, sie reden auch keine Fremdsprachen, schließlich, die Ungarn seien sowieso sprachlich unbegabt. Das stimmt natürlich nicht. Die Ungarn, mit denen ich heute zu tun habe, sprechen mehrere Sprachen. Es ist also eher ein soziales Problem: dort, wo meine Familie wohnte, gab es Bauern und Arbeiter, und warum sollten diese eine Fremdsprache sprechen?

In Ihren Büchern haben sie über dieses Provinzielle und Kulturlose geschrieben. Waren die Verhältnisse wirklich so extrem?

Viele dieser kleinen Dörfer sind gleichzeitig sehr katholisch, herrschaftsgläubig, konservativ und grausam gegen Mensch und Tier. Viele haben solche Grausamkeiten erfahren, manche hat das mitgenommen, andere haben es hingenommen. Ich selbst empfand das Leben dort oft als sehr bedrohlich und gefährlich. Die Leute waren nicht nett. Die Leute waren nicht gebildet, haben aber auch selber gelitten an diesen Verhältnissen in denen sie gelebt haben, sind Alkoholiker geworden, haben nichts Richtiges aus ihrem Leben gemacht, haben aber auch tatsächlich nichts getan, um das zu ändern.

Das Leben auf dem Land ist also eine trügerische Idylle?

Es ist alles sehr geregelt. Man tut, was sich „gehört“! Für besondere Situationen ist diese Struktur nicht eingerichtet. Wenn der Einzelne auf sich gestellt ist und von sich aus entscheiden muss, führt das zu Irritationen. Man ist vor allem auch sehr neidisch auf dem Dorf. Es ist sichtbar, wer was hat. Man guckt genau hin, wie jemand sein Feld pflügt und achtet darauf, ob der Nachbar absichtlich zu einem fremden Feld hinüber pflügt. Auch mit den Früchten muss man aufpassen. Es gibt absurde Situationen. Man wird beobachtet. Dazu passt auch die Kirche.
Ich erinnere mich, dass ich unserem Priester von meiner Mutter ausrichten musste, dass
die Kirche ein Gotteshaus sei und nicht das des Priesters. Und wer dort hin wolle, gehe zu Gott und nicht zum Priester. Er hatte übrigens einen Harem gehalten und musste dann abgesetzt werden. Es war eine Atmosphäre der Lüge. Es war Kommunismus und Katholizismus und beides erforderte Lügen, erforderte Angst haben, erforderte Denunziation, erforderte, dass man den anderen moralisch verurteilt, besonders Frauen, aber auch Männer. Kinder sind so etwas wie kleine Tiere. Die muss man füttern und dressieren, sie sind keine Persönlichkeiten. Das war grauenerregend. Ich fühlte mich wie in einem Lager. Als Kind fand ich, dass es eine gute Sache ist, sterblich zu sein. Weil es bedeutete, nicht für alle Ewigkeit diese Verhältnisse ertragen zu müssen. Ich hatte eine Zeit lang eine kleine Streichholzschachtel. Darin hatte ich Sägemehl. Dieses Sägemehl stellte ich mir als Gift vor. Wenn ich nicht mehr leben wollte, würde ich es nehmen und mich umbringen. Aber zum Glück stellte ich früh genug fest, dass es auch eine Welt außerhalb dieser Gemeinschaft gab und dass ich weggehen kann.

Ihre Kindheit haben sie im kommunistischen Ungarn verbracht. Inwieweit wurden Sie dadurch geprägt?

Man wurde permanent geprägt. Die Pionierorganisationen, die Schule, etc. Unsere Lehrer hatten auch Angst, aber sie waren natürlich die Vertreter dieser Ideologie. Ich erinnere mich an eine sehr lächerliche Begebenheit als ich in der zweiten Klasse war. Meine Lehrerin hatte in der Klasse darüber diskutiert, dass Jimmy Carters Politik schlecht sei. Aber ich fragte mich, woher sie denn über seine Politik bescheid wüsste. Es gab Schulaufgaben in denen wir unsere „Freunde“ und „Feinde“ benennen sollten. Aber wir Kinder trotzten der Indoktrinierung und benannten die Schweiz als Freunde, weil von dort die Schokolade kam. Die Lehrerin protestierte und sagte, Deutschland sei der größte Feind…

..aber es gab zwei deutsche Staaten…

Man hatte von der DDR überhaupt keine Vorstellung. Natürlich nannte sie die ganzen sozialistischen Bruderländer: Polen, Tschechoslowakei, Rumänien, etc., das seien alles unsere Freunde - die UDSSR selbstverständlich auch. Keiner von uns hatte aber je einen einzigen Sowjetbürger gesehen - abgesehen von den dort stationierten Soldaten. Die armen Schweine wurden eingeladen zu den Kinderfesten, teilweise Offiziere, die überhaupt kein Ungarisch konnten. Die saßen dort in ihren Uniformen und waren genauso deplaziert wie alles andere deplaziert war. Es gab diese Legenden, es gebe niemanden, der die Kondome im Laden kauft, weil anständige Leute kaufen das nicht, aber manchmal kommt die Frau eines der Offiziere und kauft alles auf, um sie an die Soldaten weiter zu verteilen. Es wären nur die sowjetischen Soldaten gewesen, die die Kondome benutzt hätten! Es gab auch Legenden von „unschuldigen Ehepaaren, die von sowjetischen Panzern überrollt wurden“. Natürlich sind das Legenden, die einen bestimmten Unsprung haben. Selbstverständlich wurden Menschen 1956 in Budapest von sovwjetischen Panzern überrollt, aber nicht zwei Straßen weiter. Dort wurde niemand überrollt.

Aber Sie mussten Russisch in der Schule lernen?!

Ich war der Meinung, es sei gut, weitere Sprachen zu lernen. Wobei ich immer gesagt habe, dass es die „Sprache der Besatzer“ war. Meine Mutter hatte immer gesagt, man müsse die Sprache des Feindes als Erste lernen. Ich habe auch ein russisches Abitur gemacht und zu meinem Bedauern habe ich das später mehr oder weniger vergessen. Ich verstehe etwa 50% davon und bin immer stolz darauf, dass ich das verstehe und habe vor, es wieder zu beleben.

Sie haben schon davon gesprochen, dass die dörflichen Verhältnisse in ihrer Kindheit die späteren Themen ihrer Bücher sehr geprägt haben. Hatten die politischen Verhältnisse in Ungarn auch große Bedeutung für ihre Arbeit?

Zumindest bin ich nicht „auf die andere Seite des Pferdes gefallen“, wie meine Mutter es ausdrückt. Ich bin nicht bürgerlich und konservativ geworden. Ich habe mir meinen Blick auf die Geschichte bewahrt. Ein Streitpunkt zwischen Esterházy und mir besteht darin, dass er sagt, es habe nichts Gutes am Kommunismus gegeben, worauf ich ihm aber entgegnen muss, zwischen den zwei Weltkriegen trugen wir noch keine Schuhe. Die Prägung für mein Schreiben besteht vielleicht darin, dass ich in dieser Zeit Freiheit sehr schätzen gelernt habe. Die Möglichkeiten, die eine freiheitliche Gesellschaft bietet, schätze ich sehr. Die Trennung von Kirche und Staat ist wichtig, es gibt auch keine Ideologie mehr, zumindest keine, die das ganze Leben so vollständig reglementiert. Der Bürger ist mündig und der Staat oder die Regierung ist meinem Wohlwollen ausgeliefert bzw. meiner Wahlstimme. Ich schätze Individualität und das beinhaltet für mich auch Zivilcourage, was auch Verantwortung bedeutet. Ich komme aus einer depressiv-pessimistischen Kultur, aus einer leidenden Kultur. Aber irgendwann habe ich mir gesagt, ich bin sterblich und dafür ist mir das Leben zu schade. Ich habe mir gesagt: Don’t cry, work! Das ist etwas, was mir an meinen Landsleuten oft stört. Als wären sie beleidigt, weil nicht alles perfekt ist.

Wie beurteilen sie das Phänomen, dass viele Künstler, die in sozialistischen Ländern unter oft widrigen Umständen gearbeitet haben, damals scheinbar aber produktiver waren? Diese Zeiten waren für viele sehr viel fruchtbarer als heute.

Das hat man aber überall gemerkt in den 90er Jahren. Es hat bis ca. 1997 gebraucht um zu verstehen, was geschehen ist und viele haben diese Zeit gebraucht, um alles zu verarbeiten und festzustellen, wo man steht. Für ein Menschenleben viel Zeit. Und das wird anders sein für einen Menschen, der schon 30 Jahre unter anderen Voraussetzungen geschrieben hat. Wobei man sich auch fragen sollte, ob man noch wie früher schreiben könnte? Die verklausulierte Blumen-Sprache, wie man sie in Zeiten der Diktatur verwendet hat, wäre heute vielleicht nicht mehr lesbar. Die Frage stellt sich mir momentan aus aktuellen Anlass und erhöht meine Bewunderung für Péter Esterházy, Ich übersetze ein Buch von ihm, dass er 1980 geschrieben hatte. Es heißt „Produktionsroman“, wo er jemanden beschreibt, der innerhalb des sozialistischen Produktionsprozesses seines Betriebs wie Sisyphos etwas von der Stelle zu bewegen versucht. Es bleibt ihm aber nichts anderes übrig, als einen Gasttext rein zu nehmen, er kann nicht aus der Gegenwart heraus sprechen. Das ist etwas, was mir erspart geblieben ist. Das ist der große Vorteil meiner Generation, die damals 18 gewesen ist, als die Mauer fiel.

Aber braucht es nicht immer auch ein Feindbild?

Aber das haben wir doch jetzt auch. Ich habe das Gefühl, dass seit dem 11.09.2001 wieder bessere Literatur entstanden ist. Nachdem, was alles in Folge dieses Ereignisses gelogen worden ist, entsteht wieder das Bedürfnis nach einem ehrlichen Wort. Es ist wieder eine neue Ernsthaftigkeit zu verzeichnen. Es geht wieder um Leben und Freiheit. Bush gewinnt die Wahlen und es ist zu befürchten, dass wieder eine große Depression auf uns zukommt.
Es ist interessant zu beobachten wie die Welt innerhalb von vier Jahren so viele Schritte rückwärts gehen kann, hinter den Reagenismus. Mittlerweile geht es mir schon besser, aber während des Afghanistan-Krieges war ich sehr niedergeschlagen. Ich hatte meine Kindheit im Krieg verbracht, im Kalten Krieg. Und dann gab es ein paar Jahre in denen wir uns eingeredet hatten, dass jetzt die bessere Zeit anbricht. Aber jetzt sehe ich deutlich vor mir, dass es bis an mein Lebensende dauern wird. Und jetzt beginnt diese Ära mit Terrorismus. Die Welt ist nicht mehr frei, man kann auch nicht mehr überall hin verreisen.

Reisen sie denn gerne?

Eigentlich nicht. Ich ertrage Reisen nicht. Das macht mir auch die Lesereisen sehr schwer. Es ist für mich kein Reiz Bali zu bereisen oder im Nepal wandern zu gehen. Was das betrifft, bin ich lieber in Europa unterwegs. Ich hatte einige Stipendien-Aufenthalte, in New York, in Italien in der Nähe von Rom und in Basel. Das sind Aspekte des deutschen subventionierten Literaturbetriebs, die sehr angenehm sind und auch einen anderen Raum schaffen für das eigene Schreiben. Ich arbeite allerdings sehr viel und bin leider sehr oft viel zu rastlos, um mich auszuruhen.

Wie arbeiten Sie an ihren Büchern? Haben Sie die Erzählungen bereits im Kopf, wenn Sie mit dem Schreiben beginnen?

Die Erzählungen schon. Aber bei einem Roman ist es schon etwas anderes. Ich schreibe vierzig Seiten an einem Stück und dann kann aber eine Pause eintreten.

Wie entstehen ihre Bücher?

Ich habe das Gefühl, dass die Themen, die ich in den Büchern bearbeite, Themen sind, die von Anfang an da sind. Das sind Themen, die ich mitgebracht habe und ich arbeite sie ab. Und ich weiß auch nicht, ob ich andere Themen finden werde. Ich bin eine sehr bewusste Autorin. Ich bilde mir nicht ein, dass es darum geht, irgendwelche Geschichten zu erzählen, sondern als würde ich es analysieren, nehme ich den Kern einer Geschichte, die ich mit mir herumtrage seit einer Weile und frage mich, wozu steht dieser Kern in Beziehung? Ich versuche alles zu sammeln, was mir dazu einfällt, und finde dann auch ganz unterschiedliche, oftmals scheinbar absurde Versatzstücke. Ich nutze meinen Assoziationsreichtum und verarbeite ihn in meinen Büchern.

Ihre Bücher haben einen starken autobiographischen Charakter? Oder inwieweit sind wirklich persönliche Erfahrungen in ihren Arbeiten wieder zu finden?

Meine Bücher sind insofern autobiographisch, wie alle Bücher autobiographisch sind. Mein erstes Buch ist natürlich etwas näher dran an meiner Person. Beim zweiten Buch habe ich mir sehr viel Gedanken über das Schreiben gemacht: Was ist alles möglich, was will ich erreichen? Das hat weniger damit zu tun, dass ich meine Heimat verlassen habe. Das ist auch ein Material, das ich verwende. Warum auch nicht? Aber ich habe mir diesen Abel Nema angeschaut und seine Scheinehefrau. Ich hatte am Anfang eine Kerngeschichte: Ihn, seine Scheinehefrau, seinen Stiefsohn, seinen Jugendfreund, seine Eltern. Dann habe ich mich gefragt, wer gehört noch dazu? Und dann sind mir eine Menge Menschen eingefallen und es sind Personen, denen er vielleicht nur ein Mal begegnet und dennoch sind sie Teil seines Wegs.

Wie unabhängig sind Sie als Autorin von den Erwartungen der Medien und Verlagen?

Walser hat einmal gesagt, ich habe nur einen Verleger aber er hat viele Autoren. Aber ich glaube, man kann dieses Verhältnis auch umkehren. Es gibt viele Verlage, aber nur eine Terézia Mora. Natürlich spreche ich heute aus der Position der Stärke, heraus weil ich gerade ein Buch vollendet habe. Ich werde mich nie mehr in der heiklen Situation zwischen dem ersten und dem zweiten Buch befinden. Das erste Buch bringen die Verlage schnell raus. So war das noch Ende der 90er Jahre, wo die Verlage noch die jungen Autoren von der Straße geholt haben. Mir war klar, dass es beim zweiten Buch schwieriger sein würde und habe deswegen meinem Verleger die Möglichkeit gegeben, obwohl ich einen Blanko-Vertrag hätte unterschreiben können, erst das neue Buch zu lesen und dann zu entscheiden, ob sie es herausbringen wollen oder nicht. Wie wäre es aber gewesen, wenn es niemand hätte verlegen wollen? Merkwürdig, aber ich denke, dass ich dennoch Autorin und Übersetzerin geblieben wäre.

Sie haben aber auch Drehbücher geschrieben?

Ja, aber das mache ich nicht mehr. Als ich den Roman geschrieben hatte, habe ich keine Drehbücher geschrieben, weil ich meine ganze Kraft brauchte. Als ich dann fertig war, wollte ich wieder Ideen für Drehbücher ausarbeiten. Aber ich stellte dann fest, dass es mich kolossal nicht interessiert. Man kann in der Prosa alles machen, im Drehbuch nicht. Es ist ein industrielles Produkt. Der große Vorteil ist die Verbreitung. Der einzige Fernsehkrimi, den ich geschrieben hatte, hatte in der Erstaufführung sechs Millionen Zuschauer. Aber dennoch ist es mit dem Drehbuch-Schreiben für den Moment zumindest vorbei. Ich mag Filme aber immer noch sehr gerne. Ich habe im letzten Herbst ein Seminar geleitet in Leipzig am Literaturinstitut und es hatte mir sehr viel Spaß gemacht. Es war mir eine Freude bei jungen Leute Interesse für den Film zu wecken und ihnen auch zu zeigen, was meiner Ansicht nach gute Filme ausmacht. Obwohl sie Godard wie die Pest gehasst haben. Aber es waren junge Menschen, die noch nie einen Fellini, einen Bunuel oder einen frühen Film von Lars von Trier gesehen hatten. Das Unterrichten hatte mir sehr viel Spaß gemacht. Ich habe den Unterricht nicht so strikt wie an der Akademie geleitet, an der ich absolviert hatte.

Wählen Sie die Bücher, die sie übersetzen selbst aus?

Das einzige Buch, das ich ausgewählt hatte, waren die „Minutennovellen“ von István Örkény. Bei Harmonia caelestis hat mich Esterházy gefragt. Im Moment habe ich aber keine Zeit mehr für solch umfangreiche Werke. Es würde mich aber reizen, junge ungarische Autoren zu entdecken und zu übersetzen. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass ein solches Unterfangen sehr schwierig sein könnte. Manchmal glaube ich, dass der ungarische Autor für den deutschen Markt nur geeignet erscheint, wenn er bereits gestorben ist. Es wäre gut, wenn man diesem Trend etwas entgegensetzen könnte.