Wie bist Du zu Deinem Beruf als Tänzer und Choreograph gekommen?
Hattest Du einen bestimmten familiären Hintergrund dafür?


Im Zusammenhang mit meiner Familie hatte ich keinen bestimmten künstlerischen Hintergrund. Ich war ein sehr kreatives Kind und musste ständig zeichnen, singen, tanzen und mich in den verschiedensten Formen künstlerisch ausdrücken. Sobald ich mit dem Tanz in Berührung gekommen war, fühlte ich, dass ich das machen musste. Meine Eltern hatten versucht, mich in eine andere Richtung zu lenken. Sie meldeten mich in einem großen Chor an, weil ich ständig gesungen hatte. Sie dachten, dass Tanzen sehr schwierig und für einen Jungen sehr ungewöhnlich wäre. Aber ich hatte schon immer meinen eigenen Kopf. Ich wurde aber auch sehr großzügig und frei erzogen. Der Tanz wurde für mich eine Weile lang das wichtigste in meinem Leben. Ich hatte jeden Tag Tanz geübt und mehrere Stunden trainiert. Als ich 17 Jahre alt war, hatte ich Finnland schon bei einem internationalen Tanzwettbewerb repräsentiert und bin dadurch auch nach Hamburg gekommen. Wir hatten in Schwetzingen Schwanensee aufgeführt und der Ballettmeister, der aus Hamburg kam, fragte mich ob ich bei ihm studiere wollte. Das war für mich gar keine Frage und bald richtete ich meinen Eltern aus, dass ich jetzt nach Hamburg gehen würde. Ich schloss die Schule früher ab und begab mich auf meinen ersten Auslandsaufenthalt.

Wie lange bist Du in Hamburg geblieben?

Ich habe dort zwei Jahre an der Schule studiert und danach kam die Frage, wie es jetzt weiter geht? Ich hatte die Qual der Wahl, denn ich bekam die große Chance, zum Netherlands Dance Theatre von Jiri Kilian zu gehen, was für mich eine große Versuchung war. Aber ich entschied mich, in Hamburg zu bleiben, weil ich nach zwei Jahren in Hamburg nicht bereit war, noch einmal umzuziehen, eine neue Sprache zu lernen und von vorne anzufangen. Das erste Jahr in Hamburg war schon ziemlich schwierig. Als Siebzehnjähriger hat man vieles seelisch zu verkraften, wenn man in eine völlig neue Welt kommt. Im zweiten Jahr, fühlte ich mich schon ein wenig vertrauter und es war leichter mit den Leuten zu kommunizieren. Als ich ankam hatte ich zuerst mit niemanden geredet und war sehr verschlossen. Was mich aber auch dazu bewogen hatte, in Hamburg zu bleiben, lag an meiner Orientierung am klassischen Tanz. Es fällt mir schwer diese Entscheidung heute nachzuvollziehen, aber damals war das für mich relevant.

Kannst Du Dich noch an die ersten Monate in Hamburg erinnern? Was war damals besonders schwierig für Dich?

Die Schwierigkeiten hatten nichts mit einem bestimmten Ereignis zu tun. Es war mehr das Gefühl, in einer völlig neuen Welt verloren zu sein und die Masse an neuen Informationen überhaupt verkraften zu können. Ich erinnere mich, dass ich mich die ersten zwei oder drei Monate sehr krank gefühlt hatte. Ich spürte oft einen Druck auf meiner Brust und war oft erschöpft von dem Versuch, alles zu verstehen. Die einfachen Dinge des Lebens, zum Beispiel in einem Supermarkt einkaufen, waren schwierig. Ich bekam Herzrasen, weil ich eine bestimmte Antwort nicht verstanden hatte. Oder die Wohnungssuche. Man musste sich mit ganz offiziellen Dingen auseinander setzen worin ich natürlich keine Übung hatte, besonders in einer Fremdsprache. Ich war auch ein wenig von dem neuen Schulalltag überfordert. Bisher hatte ich morgens Schule und danach ein paar Stunden Ballett. In Hamburg begann die erste Tanzstunde um neun Uhr und erst abends war man fertig. Das war nicht nur Balletttraining, sondern auch Moderner Tanz, Komposition, Anatomie, Tanzgeschichte, Folklore, Kastagnetten-Tanz usw. Es war eine ganz neue physische Belastung. Der ganze Körper stand unter Dauerschock. Ich lernte neue Schmerzen kennen – ein enormer Stress.

Hattest Du jemals an Deiner Entscheidung, nach Hamburg zu gehen, gezweifelt?

Nein ich hatte nie daran gezweifelt, dass es die richtige Entscheidung war. Es war eine Flucht nach vorne! Ich habe aber auch wirklich sehr viel gelernt in  dieser Zeit. Ich war gierig wie ein Schwamm alles aufzunehmen, auch wenn die seelischen Kosten schwer zu ertragen waren - besonders aus einer solchen Situation heraus.

Und in Hamburg hattest Du auch Dein erstes Engagement bekommen?

Nach zwei Jahren Schule hatte ich mich entschlossen, dort zu bleiben und habe weiter Ballett getanzt - insgesamt dann noch für vier Jahre. Ich bin vielleicht ein bisschen zu lang geblieben, aber es war auch immer irgendwie ein Zufall.
Immer wenn ich Reisebereit war, kam irgendetwas dazwischen und ich bin dann doch geblieben. Es war schon eine gute und auch eine erfolgreiche Zeit. Ich hab viel tanzen dürfen und bekam interessante Aufgaben. Aber es gab eine Sehnsucht nach dem Zeitgenössischen Tanz und sie hatte immer die Frage aufgeworfen, ob es die richtige Entscheidung war. Andererseits hatte ich diese Zeit auch als Vorbereitung für meine choreographischen Ambitionen gesehen und war mir bewusst, dass der klassische Tanz nur eine grundlegende Basis für mich war. Ich wollte immer modernere Sachen machen. Die Ballettwelt ist oft eine sehr enge Welt, in der völlig unwichtige Sachen merkwürdige Proportionen bekommen. Das hatte mich dann langsam und zunehmend gestört. Aber dennoch war meine Karriere in der Folge mit dem klassischen Tanz gekoppelt – oft aufgrund des Privatlebens, welches mein Leben auch gesteuert hatte.

Du bist dann nach San Fransisco gegangen.

Ich bin dann nach San Fransisco gegangen, weil mein Partner dort schon seit zwei Jahren lebte und ich wollte mein Leben weiterhin mit seinem teilen. Für ein Jahr hatte ich dort in einer kleineren Truppe gearbeitet. Das war schon gut, auch wenn es nicht immer „My Cup of Tea“ war. Aber ich konnte trotzdem meine eigenen Bewegungselemente innerhalb eines bestimmten Rahmens weiterentwickeln. Wir hatten einen interessanten Choreographen, der einen bestimmten Rahmen vorgab, dem man aber jedes Mal eine andere Ausführung geben musste, was die Kreativität der Tänzer forderte. Aber nach sechs Monaten kam eine Pause und auch kein Geld mehr, wie es oft kleinen Gruppen ergeht. Ich trennte mich damals auch von meinem Freund und stolperte mehr oder weniger nach Chicago hinein, wo ich zwei Jahre blieb, die aber in jeder Hinsicht ziemlich miserabel waren. Nicht nur künstlerisch war es das genaue Gegenteil von dem, was ich machen wollte. Ich war auch ständig verletzt und konnte nicht richtig arbeiten. Es war eine Zeit des totalen Umbruchs. Es fühlte sich wie eine verspätete Pubertät an. Als ich dann zurück nach Europa gehen wollte, hatte ich den Luxus zwischen Madrid und Lissabon wählen zu können. Ich entschied mich für das Gulbenkian Ballett in Lissabon, weil ich mich mit der Direktorin gut verstanden hatte und sie auch junge Choreographen förderte. So hätte ich mich gut einen Übergang vom Tänzer zum Choreographen einleiten können.

In Chicago passierte auch etwas, was Deine weitere Karriere auf eine ganz unvorhergesehene Weise geprägt hatte!

Das war wirklich ein Schicksalsschlag, obwohl ich eigentlich nicht an Schicksal glaube. Ich war bei einem Morgentraining und ich riss mir gerade die Haare vom Kopf und fragte mich, wie ich hier wieder heraus kommen werde. Es musste doch etwas passieren! Und es passierte auch etwas. Die Decke des Tanzsaals brach herunter. 30 Leute waren zu dieser Zeit im Saal aber ich war der Einzige, der getroffen wurde. Bevor ich kurz das Bewusstsein verloren hatte, schaute ich noch im Spiegel nach, ob ich blutete. Dann kam ich ins Krankenhaus und alles wurde erst einmal genau untersucht. Es stellt sich heraus, dass der Nackenwirbelsäule stark betroffen war und ich konnte den Kopf nicht mehr bewegen und ich hatte auch Schmerzen in den Armen. Diese begleiten mich noch bis heute. Man merkt mir das gar nicht an, ich kann mich bewegen und in den letzten zwei Wochen habe ich auch Unterricht gegeben - ich tanze auch vor. Die Leute fragen mich, warum ich nicht mehr weiter mache? Aber die Schmerzen sind einfach zu groß. Und diesen Beruf kann man nicht mit solchen Begrenzungen durchführen. 

Aber Du gibst auch weiterhin Tanzunterricht?

Ich unterrichte in den Zwischenzeiten, weil es eine Möglichkeit ist, Geld zu verdienen, wenn man gerade kein Projekt hat.

Wie bist Du damals mit diesem Schicksalsschlag umgegangen? Dachtest Du, dass Du jemals wieder tanzen wirst?

Ich machte wieder eine Flucht nach vorne. Alles was ich mir aufgebaut hatte, lag in Trümmern. Aber man darf dann nicht unten bleiben und grübeln. Ich drehte einen Kurzfilm, machte ein Tanzstück für ein Chicagoer Festival. Dann begann der Prozess und es stellte sich auch die Frage, ob man operieren sollte. Ich ging zunächst zurück nach San Francisco, weil ich diese Stadt liebe und es dort Leute gibt, die mir sehr nahe stehen. Ich choreographierte dort ein Stück nach dem anderen. Ich hatte auch ein Stück mit meinem Ex-Partner produziert und wir gründeten auch eine Gruppe. Die folgenden dreieinhalb Jahre erlebten wir uns in einem schöpferischen Tunnel, es war eine Art Serienproduktion. Wir schufen unglaubliche Dinge in dieser Zeit. Wir waren sehr kreativ. Das hat zwar nicht nachgelassen, aber heute versucht man organisierter zu sein, nicht allein rein kreativ. Aber es war eine sehr schöne Zeit, alle waren mit Herzblut bei den Proben dabei. Und wir haben überall Tanz aufgeführt. In der Wüste, auf der Autobahn, an öffentlichen Plätzen und Straßen. Ich konnte in meiner Flucht nach vorne, viele andere mitreißen.

Man muss in der Kunst den Drang haben, andere Leute zu begeistern und man muss dabei seinen Idealismus erhalten können. Wie beurteilst Du nach Deiner reichen Erfahrung die Arbeit von freien Gruppen mit dem etablierten, subventionierten Ballett?

Die freie Szene ist lebendiger, was wahrscheinlich etwas mit der Natur des Menschen zu tun hat. Denn sobald man eine gewisse Sicherheit erreicht hat, wird man mit gewissen Fragestellungen nicht mehr konfrontiert. Das sieht man zum Beispiel sehr deutlich als Lehrer. Wenn man in der freien Szene unterrichtet, gibt es viele Leute die darauf brennen, etwas zu lernen. Im Stadttheater mit viel Geld, aber auch Alltagsroutine, findet man oft eine gewisse Apathie vor, die einen schon fast krank macht. Sobald man etwas erreicht hat, verfällt die Kreativität. Sobald man nicht mehr um das kämpfen muss, was man machen will, ist das der Anfang vom Ende. Aber es gibt dennoch viele Choreographen und Tänzer, die, egal in welcher Situation sie sind, immer noch Herzblut haben. Vielleicht macht es aber viel mehr Spaß im Rahmen einer gewissen Unsicherheit zu agieren. Andererseits träume ich auch von einer besseren Infrastruktur und von mehr Fördermitteln, um nicht immer absolut alles selbst machen zu müssen. Alle Anträge selbst schreiben, die Budgets organisieren, Produktion, manches würde ich lieber delegieren. Sicherlich würde ich gerne nur durch die künstlerischen Aufgaben mein Geld verdienen, aber im Moment ist es eben nicht so. Aber ich kann mir auch nicht vorstellen, dass für mich dieser Drang nicht mehr da sein würde, wenn die Infrastruktur und die Bedingungen besser wären. Aber das weiß man natürlich erst dann, wenn es anders ist.

Wie lange bist Du in San Fransisco geblieben und wie kam es zu dieser Entscheidung, nach Europa zurück zu kehren.

In den dreieinhalb Jahren in San Fransisco habe ich eine Gruppe gegründet, die „KUNST-STOFF“ heißt. Die Hauptidee war nicht, die üblichen Tanzkomponenten zu verfolgen. Es ist eine gemischte Ansammlung von Künstlern und es ging darum, verschiedene künstlerische Richtungen zusammenzubringen und Events zu produzieren, Tanzperformance mit Galerie und mit einer thematischen Kommunikation, aber auch Wissenschaft und Kunst mit einzubeziehen. Es ging auch darum, innerhalb der tänzerischen und darstellerischen Künste, Kollaborationen zu verfolgen, Theater und Künstler aus verschiedenen Hintergründen zusammenzubringen, um von einander zu lernen und zusammen Arbeiten zu entwickeln. Mein Umzug nach Europa wurde dann letztendlich von meinem Visa-Problem ausgelöst, denn ich hatte nur ein Visum als Tänzer und da ich nicht mehr tanzen konnte, konnte ich mein Visum nicht mehr erneuern. Aber es war auch eine Art von Erlösung. Nach drei Jahren und fünfzehn Stücken war ich auch bereit für eine Pause. Auch meine Wut und Enttäuschung gegenüber dem Klassischen Ballett – der mich in den Wahnsinn getrieben hatte und meine Weiterentwicklung gestört – hatte sich einfach ausgeschöpft. Ich fühlte mich auch ein wenig Müde von Amerika und das Ende des Visums kam mir dann auch ein wenig wie ein Alibi zur rechten Zeit. Denn wenn ich so weiter gemacht hätte, wäre ich bestimmt geplatzt. Außerdem war es eine gute Sache nach Berlin zu kommen.

Wieso bist Du ausgerechnet nach Berlin gekommen?

Ich hatte hier eine Wohnung durch Freunde aus Hamburg und Berlin. Da gab es erst einmal einen Platz, wo ich meine Koffer hinstellen konnte. O.K., ich musste auch erst einmal nachdenken! Und irgendwie war Berlin auch die perfekte Stadt zum Nachdenken.

Hattest du schon konkrete Ideen, was Du hier machen wolltest?

Ich hatte erst einmal keine konkreten Ideen oder Vorstellungen, was ich hier machen werde. Ich musste mich zunächst wieder in einer neuen künstlerischen und kulturellen Welt orientieren. An dem Abend als ich in Berlin ankam, war die Wahl zwischen Al Gore und Bush, die in die Hose gegangen ist und nachdem, was dann in Amerika passierte, bin ich heilfroh nicht mehr dort zu leben. Ich gehe aber jährlich zurück, denn Amerika bietet auf eine bestimmte Art eine Reibungsfläche, die durch Wut, wie eine treibende Kraft wirkt. Es ist auch einfacher dort zu kreieren, weil man der Auffassung ist, dass dort echte Aufklärung noch nötig ist.

Kannst Du einen Unterschied zwischen Deiner Arbeit hier in Berlin und der in Amerika feststellen. Wo kommt die Inspiration her? Was bewegt Deine künstlerische Schöpfung? Du sagst, in Amerika muss man provokativer als hier sein. Ist es nicht gut als Künstler solchen Reizen ausgesetzt zu sein?

Ich arbeite auch hier in Berlin als Choreograph und habe einige Stücke inszeniert und mit deutschen und internationalen Künstlern realisiert und natürlich muss man auch hier die Inspiration und künstlerische Kraft von irgendwoher schöpfen. Ja, aber man sieht auch einen Unterschied wie ich hier arbeite und in Amerika gearbeitet habe. Die Sachen, die ich hier mache sind solche, die ich wirklich interessant finde. Es geht um eine ganz eigene, künstlerische Entwicklung, die vielleicht introvertierter und theoretischer ist. In Amerika ist sie mehr wie ein Urschrei, der stark politisch geladen und auch aggressiver ist. Das ist ein ganz großer Unterschied und es kommt auch darauf an, wie ich als Mensch dort funktioniere und hier funktioniere. Hier bin ich für mich künstlerisch wie persönlich meiner eigenen Natur am Nächsten. In Amerika ist es viel lauter und irgendwie anarchistischer und man kann nicht sagen, was besser ist. Und richtig, eine solche Reibungsfläche kann wirklich gut für die Arbeit sein. Ich mag aber das Gleichgewicht von Beidem. Und die Arbeit, die man macht, muss eine Relevanz zur Umgebung haben. Die Arbeit, die man macht, orientiert sich am Kontext, an der Kommunikation mit der Umgebung und mit dem Spiel der gegensätzlichen Erwartungen.

Auch das Publikum scheint auf gegenüberliegenden Seiten zu sitzen?

Es ist völlig unterschiedlich. Das typische Publikum in Amerika klatscht einmal ganz lautschreiend und dann ist es vorbei und man quatscht über etwas ganz anderes. Und am liebsten gar nicht nachdenken! Das sind Klischees, die man kennt. Aber die kann man auch einfach so stehen lassen. Und hier ist die Situation, dass man manchmal die Sachen zu ernst nimmt. Diese tiefsinnige Nachdenklichkeit ist ja sehr wichtig für mich und auch ein Publikum, dass engagiert darüber nachdenkt, was sie da eigentlich sehen. Das ist hier ein Publikum, das herausfordert und das mag ich sehr. Was ich manchmal vermisse, ist mehr Offenheit. Wenn die Leute in eine Vorstellung kommen, ist bei Ihnen oft die Mauer sehr hoch, die machen manchmal sehr dicht, so dass es sehr schwierig wird, eine Kommunikation zustande zu bringen. Beides hat seine guten Seiten. Ich kann in Amerika viel provokativer sein, weil die Leute alles glatt über sich fließen lassen wollen. Ich bin jetzt schon seit drei Jahren in Berlin künstlerisch tätig und es gilt auch hier, eine interessante Entwicklung im Publikum zu suchen und zu finden.

Ein Thema, das Du für Dich gefunden hast, ist die Behinderung.

Ich arbeite hier oft mit behinderten Leuten, die mitspielen und mit tanzen. Das Projekt kam eigentlich von den Behinderten selbst, und sicherlich lässt es sich mit meinem Unfall verbinden, aber es ist sehr wichtig, dass es von den Leuten kommt. Natürlich war es etwas, was mich persönlich sehr gereizt hatte, nämlich diese körperlichen Grenzzustände zu erforschen und auch etwas sehr Persönliches daraus zu machen. Für mich war das Projekt mit den Behinderten in Finnland eines der schönsten, weil es für mich einen sehr interessanten, persönlichen Aspekt hatte: Mit der Veränderung des Körpers umgehen zu lernen und nicht mehr das machen zu können, was man hat machen können, diese Transformation und die Behinderung auch als Chance zu sehen. All dieses, und das muss ja wohl auch so sein, hilft in der Kunst einen persönlichen Ausdruck zu finden. Und dann war es für mich wirklich auch ein therapeutisches Vorgehen - nicht nur für mich, sondern auch für die Behinderten selber, die als Darsteller zu Wort gekommen sind. Ein Körper, der behindert ist, ist ein Körper mit einer Geschichte. Es ging für mich darum, für diese Geschichten einen Forum zu finden. Das hat meinen Arbeitsprozess sehr verändert. Das Projekt hat mir künstlerisch sehr viel gegeben.

Kann man diese Arbeit auch als einen Protest gegen den klassischen Tanz verstehen?

Das ist nicht ganz eindeutig: Einerseits ist es auch ein Protest gegen die ästhetisch konventionelle Tanzform aber irgendwo ist auch viel Liebe drin. Meine Verbindung zum Klassischen Ballett ist ambivalent. Es gibt Dinge im Ballett, die ich überhaupt nicht in Ordnung finde. Es ist zum Beispiel eine Kunstform, die völlig unanatomisch ist. Sie zwingt den Körper in bestimmte ästhetische Regeln, die unnatürlich sind. Der Körper wird wie ein Material gesehen, das gezüchtet werden muss. Es ist nicht unbedingt verkehrt, in der Kunst Formen zu verfeinern, aber man kann es auch als einen Eingriff in die Natur verstehen.
Die Analogie den Körper wie Trauben in der Züchtung zu verfeinern beinhaltet eine verdächtige Philosophie. Es ist eine alte Kunstform, die auf alten Wertevorstellungen beruht: Das Formelle im Ballett, die Hierarchien, die Kontrolle, die Natur zu beherrschen etc. Meine Arbeit mit Tanz ist dort, wo sie etwas mit der Realität zu tun hat und diese hat ihren Anfang in der Natur.

Aber das Publikum honoriert diesen „Eingriff“ in die Natur des menschlichen Körpers im Ballett, wie auch im Leistungssport. Ich frage mich oft, ob es da einen Unterschied gibt?

Das ist schon eine interessante Frage, ich bin zwar kein Sportfan aber innerhalb des Konzepts des Sports ist diese Körperzüchtigung einfacher zu rechtfertigen. Ich meine, wir haben alle einen Instinkt, immer ein bisschen weiter zu kommen als ein Anderer und es ist egal in welchem Metier man sich befindet, ob in der Wissenschaft oder im Sport, es ist immer irgendeine Art Wettbewerb. Letztendlich kommt es auf die individuelle Frage an, ob eine große Leidenschaft dahinter steckt, denn dann hat es eine eigene Schönheit. Also die Frage, die ich mir stelle ist, warum ist Sport so populär? Weil dadurch in uns ein ehrlicher Urinstinkt geweckt wird. Es ruft hervor eine erschreckende Schönheit, eine  Wahrheit, eine Ehrlichkeit, weil der Sport sich auf einfache Regeln beruht und dadurch Naturverbundener ist – der Stärkere gewinnt und die Anderen verlieren.
Aber in der Kunst geht es, so hofft man, um das Bewusstsein und den gebildeten Gedanken. Die Reflektion sollte den Vorrang haben. Genau darin sehe ich die Wertsetzung, ohne dass man das rechtfertigen müsste. Und im Sinne des Klassischen Balletts: Wenn jemand ein Tänzer ist, geht ihm da auch die Seele auf und das ist schön. Er tut das mit einer körperlichen Leidenschaft, persönlichem Engagement und Überzeugung, dann bildet sich das zur Schönheit aus. Aber als Grundidee und Konzept, finde ich, ist es eine Welt, die wirklich längst überholt ist. So muss ich die Legitimation für das Klassische Ballett nur kunsthistorisch begreifen, aber es hat nicht das, was mich interessiert und was ich auf der Bühne sehen möchte. Was die Kunst und Kultur angeht, muss man weiter forschen und die Normen hinterfragen.

Dein Stück mit den Behinderten hat sehr gute Rezensionen bekommen und auch einen Preis erhalten. Arbeitest Du weiter mit dieser Gruppe?

Mit dieser Gruppe habe ich nur dieses eine Stück gemacht. Wir hatten jetzt im November in Berlin zwei Aufführungen und es wird demnächst auf den Festwochen in Bergen gezeigt. Nach fünf Jahren entwickelt sich so ein Stück aber auch ständig weiter.

Wenn man eine bestimmte Idee hat und dazu Laien oder Behinderte engagiert und mit ihnen z.B. ein Theaterstück macht, dann werden sie plötzlich für eine Nacht zu Stars gemacht. Was passiert mit den Leuten danach? Sagt man, das war es jetzt? Ihr könnt jetzt nach Hause gehen? Fühlen sie sich dann nicht ausgenutzt?

Wichtig ist das die Impulse von den Leuten kommen. Sie suchen die Aufmerksamkeit der Bühne und wollen ein Stück machen. Insofern ist es nicht der Künstler, der herumläuft, um Leute mit schockierenden Körpern zu finden, nur um seine eigenen Zwecke zu erfüllen. Wir hatten den gemeinsamen Wunsch, uns künstlerisch auszudrücken. Es ist nicht dabei geblieben. Sie haben mich auch gefragt, ob ich noch ein weiteres Stück für Sie machen möchte. Aber ich habe nein gesagt, weil unsere Arbeit schon ein Ergebnis gebracht hat. Solange es diese Nachfrage gibt und wir alle zusammen dieses Stück machen können und möchten, sollten wir es weitermachen. Aber die machen auch andere Produktionen mit anderen Choreographen und vielleicht immer in einer etwas anderen Zusammensetzung. Wir haben dann mit Tuuli Helkky Helle, einer siebzigjährigen Behinderten, auch ein anderes Projekt gemacht. Es war ihre Idee und sie hatte lange gebraucht bevor sie den Mut hatte, mich zu fragen ob ich mit ihr diese Photoserie machen möchte. Das hatte mich sehr gereizt und es ist wirklich eine interessante Zusammenarbeit gewesen. Sie sagte, dass sie jahrelang diese Idee in ihren Kopf gehabt hätte aber nie die Möglichkeit sie zu realisieren. Sie fragte mich, was ich davon halte und ich sagte nur, es sei großartig – das machen wir. Über die letzten zwei oder drei Jahre hinweg haben wir diese Photoserie gemacht. Ein Projekt, das für mich sehr wertvoll ist, weil darin viele starke Erinnerungen sind und genauso wie mit dem Bühnenprojekt mit den Behinderten, hat sich für mich gezeigt, dass die Wertschätzung nicht nur eine gute Kritik bedeutet, sondern auch was ein solches Projekt an inneren Werten entwickelt und wie es ein Teil deren Leben wird. Und das ist die wirkliche Bedeutung eines solchen Projekts.

Was machst Du jetzt und was hast Du in der nächsten Zukunft vor?

Bezüglich meiner Weiterentwicklung sehe ich im Moment zwei Hauptrichtungen. Die eine ist abstrakt und besteht in der Zusammenarbeit mit professionellen Tänzern. Die andere Richtung liegt in der inszenierten Dokumentation. Dazwischen wird es Brücken geben wie z. B. in dem Stück „MeMoRe - auf der Suche nach dem roten Faden“, wo ich professionelle Tänzer über ihr Leben erzählen lasse. Während dessen projiziere ich ihre Vergangenheit in der Form von Bildern aus den Familienfotoalben auf sie. Mir geht es dabei um den neurologischen Körper, um Gedächtnis, um Schichtung von Zeit im Zusammenhang zur Zufall oder nicht. Es laufen zwei weitere Vorbereitungen.
Ein Stück, „ETC“,  handelt von Kettenreaktionen in Bewegungen, in dem versucht wird authentische Bewegungen und die daraus entstehenden Initiationen zu erzeugen. Die Bewegungen werden auf verschiedene Weisen von den einzelnen Tänzern kopiert, übersetzt und mutiert. Ich arbeite dabei auch mit Technologie. Zum Beispiel arbeite ich mit Sensoren an Füßen und Händen, die Bewegungen in Geräusche umsetzen. So kann ich Musik mit Bewegungen erzeugen. Ein weiterer Tänzer hört diese Musik und interpretiert das Gehörte mit einer Bewegung. Diesen Ablauf lasse ich von einer Kamera aufnehmen und durch einen Beamer an einen anderen Teil des Raumes projizieren.
Ein weiterer Tänzer sieht dieses Bild und kopiert auf eigener Art diese Bewegung. Es geht um die Wechselwirkung zwischen Transformationen von Informationen durch Mensch und Maschine.
Mein zweites Projekt wird vom mir schon sehr lange vorbereitet. Dabei geht es um  Schönheit. Ich beziehe in dieses Stück auch wieder Laien mit ein: Zum Beispiel Leute, die aktiv ihren Körper verändert haben wie Bodybuilder oder Transvestiten. Ich versuche also Leute zu Wort kommen zu lassen, die ihren Körper auf drastische Weise verändert haben und etwas anderes machen, als es die Norm der Schönheit vorschreibt. Es geht mir auch um das Hinterfragen von Kulturunterschieden. Woher kommen sie? Welche Attribute gibt es?
Es geht um den menschlichen Körper, der durch eine künstliche Veränderung, durch Chirurgie und Präparate, Chemie oder durch sonstige Eingriffe, eine erzwungene Natur bekommen hat. Ich möchte versuchen, den menschlichen Körper aus diesen Sichtpunkt zu erforschen.
Aber es geht nicht um Kritik, sondern auch um die Chancen. Muss die Veränderung eines Körpers eine schlechte Sache sein? Auch wenn ich das persönlich nicht schön finde!
Was für welche Gründe oder Abgründe stecken dahinter? Versucht man eine Art von normentsprechender Attraktivität oder etwas ganz eigenes zu finden oder vielleicht mehr Zuneigung zu erreichen, Annerkennung zu bekommen und fehlende Liebe damit zu ersetzen. Wann wird der Körper zum spielerischen Kunstobjekt oder versucht man nur dem Alterungsprozess entgegen zu wirken, was natürlich sehr tragisch ist. Solchen Fragen möchte ich in dem Stück „Best Before“ nachgehen.

In deinen Stücken benutzt Du sehr oft eine Folie. Welche Bedeutung hat das?

Als Requisiten benutze ich oft Plastik, nicht nur weil es billig ist, sondern, weil es auch mit der Künstlichkeit unserer Welt zu tun hat und damit dem natürlichen Aspekt entgegen wirkt.

Wie entsteht die Musik zu Deinen Produktionen?

Bei den Stücken gibt es Musik, die eine unmittelbare Referenz enthält und in jedem Projekt ist es ein bisschen anders. Natürlich habe ich in dem Stück mit den Behinderten aus persönlichen Gründen sehr viel Ballettmusik benutzt. Sehr häufig benutze ich auch Songs, die bestimmte Worte enthalten, weil sie zu einem Kontext passen. In „MeMoRe, auf der Suche nach dem roten Faden“ war es zum Beispiel die Waschmaschine die den Grundton ausmachte, gemischt mit der Musik, die die Tänzer selbst auswählten. Jeder wurde beauftragt ein paar Stücke mitzubringen, die sie mit persönlicher Erinnerung verbinden. Und so wurde auch der Soundtrack dafür gemacht. Ich arbeite auch häufig mit elektronischer und experimenteller Musik aber mische auch Gegenwelten sehr gerne miteinander. Also es gibt ein sehr breites Spektrum.

Warum hast Du Dich entschieden, in Deutschland zu leben. Gibt es Gründe, warum du nicht zurück nach Finnland gehst?

Ich hatte noch nie einen Grund, nach Helsinki zurück zu ziehen. Es ist meine Heimat und eine Landschaft, wo ich das Gefühl habe, dass ich mit ihr verschmelzen kann. Es gibt natürliche und kulturelle Verbindungen, tiefe Wurzeln und ich habe ein gründliches Verständnis für die Menschen dort, für die Feinheiten der Sprache usw. Aber wenn man so lange schon auf der Reise ist, wird das Nomadendasein zum Teil der Natur und die Reise muss irgendwie weitergehen. Ich kann mir vorstellen, wenn mich in Finnland ein eigenes Theater angeboten bekommen würde, mit unabhängiger Infrastruktur damit ich mich nur der künstlerischen Arbeit widmen könnte, dann keine Frage. Das wäre eine Situation, die ich bejahen würde. Aber im Vergleich ist Berlin eine interessantere Stadt zum Leben als Helsinki. Berlin ist für mich sicherlich ein Ort, um zu verweilen.

Vielen Dank für das Interview.