Sie leben schon lange in Berlin?

Ich lebe seit 1989 in Berlin aber ich bin schon seit 1970 in Deutschland. Ich bin in München aufgewachsen. 1988 war ich das erste Mal für ein halbes Jahr in Berlin mit einem Stipendium vom Literarischen Kolloquium. Das gibt es auch heute noch, ein Stipendium für jüngere Autoren. Ein Projekt um jüngere Schriftsteller in die Stadt zu bringen. Und ich war damals ganz fasziniert von dieser Stadt. Der Wechsel nach Berlin kam mir gerade recht, weil ich nach zwanzig Jahren in München woanders leben wollte. Und dann hatte ich beschlossen ganz nach Berlin zu ziehen. Das war im Sommer 1989, kurz vor der Wende.

Sie haben geschrieben, dass ihre Eltern eigentlich immer nach Hamburg ziehen wollten, aber ihretwegen nach München gezogen sind…

…das ist so eine kleine Geschichte von mir - aber reine Fiktion. Da muss ich sie leider enttäuschen; das stimmt nicht mit der Wirklichkeit überein Ich verwende in meiner Literatur oft biographische Details als Grundlage für eine Fiktion. Peter Weiß hat das einmal als „autobiographische Fiktion“ bezeichnet, was diese Methode sehr gut trifft. Was in dieser Geschichte Wirklichkeit ist, ist die Tatsache, dass ich meine ersten Erfahrungen in Deutschland in Bayern gemacht habe. Aber es gibt keine heimliche Hamburg-Liebe meiner Eltern, das ist alles erfunden!

Das ist im Nachhinein Verwirrung stiftend für den Leser. Auch beim Lesen des Buches „Die Prärie“ habe ich mich oft gefragt, ob es autobiographische Anteile hat.

Nein, meine Bücher sind überhaupt nicht autobiographisch. Es ist alles erfunden. Aber es gibt in der Literatur immer einen persönlichen Hintergrund. Es ist oft ein Grund für das Schreiben einer bestimmten Geschichte. Natürlich ist dieser Grund aber weitaus verborgener als man denkt. Das ist etwas, was aus dem Unterbewusstsein heraus geschieht, oft weiß der Autor den Grund selbst nicht genau. Manchmal zeigt es sich in der Geschichte und es wird im Nachhinein deutlich, manchmal nicht. Aber ich schreibe keine autobiographische Literatur. Ich habe nie über meine Erfahrungen in Deutschland oder über mein Leben geschrieben. Kein einziger Text von mir ist so aufgebaut. Nur in meinen Essays thematisiere ich die Wirklichkeit und dann auch aus einer sehr subjektiven Perspektive. Das sind keine fiktionalen Texte, sondern Texte, die Debatten anregen oder kommentieren sollen, um bspw. andere Perspektiven auf bestimmte Diskussionen aufwerfen zu können.

Sie kamen als achtjähriger Junge nach München. Wie haben sie den Wechsel erlebt?

Es war aufregend am Anfang. Ich komme aus einer Kleinfamilie, Vater, Mutter, Kind. Es war ein Wechsel der Umgebung, man verliert den Freundeskreis, die Sprache ist ganz neu. Aber ich habe im Nachhinein - wenn ich es heute für mich rekonstruiere - kein schlechtes Gefühl. Es besteht die Erinnerung, dass es aufregend und interessant war.
Ich kam aus Istanbul nach München. Aus einer weitaus größeren Stadt in eine kleinere Stadt. Wir waren an den Stadtrand gezogen in ein bürgerliches Umfeld. Das trennt meine Biographie auch von der Mehrheit der Menschen aus der Türkei, die nach Deutschland gekommen sind. Das ist ein ganz anderer Hintergrund. Es ist übrigens auch ein Mangel dieser Multikulti-Diskussionen. Die in diesem Kontext erörterten Probleme, werden nur selten auf soziale Faktoren zurückgeführt, sondern ausschließlich ethnisiert. Es werden simple Differenzen aufgezogen zwischen Türken und Deutschen, weniger schichtspezifische Unterschiede. Wenn man aus dem bürgerlichen Umfeld aus der Türkei kommt, hat man eventuell weniger Schwierigkeiten. Es ist eher umgekehrt. Wenn man wie wir aus einer multikulturellen Metropole, wie Istanbul, kommt und in den 70er Jahren in eine etwas provinziellere Stadt wie München zieht, wo die Menschen bodenständiger sind als in Istanbul, dann sind es ganz andere Schwierigkeiten, mit denen man konfrontiert wird, als vielleicht die Mehrheit der Menschen aus der Türkei. Allein in der Straße von Istanbul, in der ich aufgewachsen bin, wurde Armenisch, Türkisch, Griechisch und das Ladino gesprochen. Die Sprache der spanischen Juden, die sich nach der Vertreibung aus Spanien in Istanbul, damals Konstantinopel, niedergelassen haben. In den Vierteln von Istanbul hat diese Sprache konserviert aus dem 15. Jh. überlebt. Man hat diese Sprachen auf der Straße gehört. Es gab keine multikulturellen Theorien, sondern es war die lebendige Wirklichkeit. Daher war der Wechsel nach München in dieser Hinsicht eine starke Veränderung. Und es war eine Herausforderung in eine neue Umgebung zu ziehen, denn ich musste sehr schnell die Sprache lernen, was damals aber sehr schnell ging, denn es gab für mich keine andere Möglichkeit. Ich war der einzige Türke in der Schule, was man sich heute wahrscheinlich auch nicht mehr vorstellen kann. Aber das ist typisch für die zweite Generation. Viele von uns sind deshalb auch sehr schnell in die deutsche Gesellschaft hinein gekommen, es gab keine Alternativen.

Wurden die Menschen aus der Türkei damals auch anders empfangen als heute?

Sie waren unsichtbarer. Es war für mich als Kind eine interessante Erfahrung, weil die Türken die ich in Deutschland kennen gelernt hatte, oft ganz anders waren als die Türken, die ich in Istanbul kennen gelernt hatte. Viele kamen damals vom Land nach Deutschland. Es gab damals Arbeiterheime, die oft am Rand der Städte lagen und deshalb waren die Türken nicht so sichtbar im sozialen Leben. Sie lebten damals wirklich am Rande der Gesellschaft, wenn nicht sogar darüber hinaus, in einem Sonderfeld. Und so haben sie damals auch gelebt. Es war aber auch kein Leben zwischen den Welten, wie es so oft heißt, sondern es war ein mentales Leben in der Türkei mit einer körperlichen Präsenz hier. Am Ende des Monats hat man das Geld gezählt, was man schicken kann oder investieren kann.

Gab es damals in der öffentlichen Wahrnehmung auch das Phänomen, dass Probleme, wie Arbeitslosigkeit und soziale Unsicherheit, den Ausländern zugeschoben wurden?

Interessanterweise gab es das damals schon. In meinen Recherchen der damaligen Presse habe ich auch mit Entsetzen festgestellt, dass vor allem der Spiegel Furcht erregende Szenarien beschrieben hatte.

Sie kritisieren in ihren Essays, dass die Gastarbeiter trotz ihrer Leistungen für die deutsche Wirtschaft nur als Fremde und nicht als Teil dieser Gesellschaft akzeptiert wurden. Hat sich in der deutschen Mentalität in dieser Hinsicht heute etwas verändert?

Da hat sich leider nicht sehr viel verändert. Das habe ich in meinem Buch „Atlas des tropischen Deutschland“ kritisiert. Das waren Texte die ich kurz nach der Wiedervereinigung geschrieben hatte. Es war für mich eine Erweiterung meiner schriftstellerischen Arbeit von der Lyrik und Prosa hin zum Essay. Damals hatte ich versucht die Wende zu thematisieren und Fragen hinsichtlich der Folgen der Wende aufzuwerfen? Sowohl in Hinsicht auf das wiedervereinte, neue Deutschland, wo der Gedanke des Nationalstaats wieder diskutiert wurde, was ich übrigens als Vertreter meiner Generation, sehr befremdlich fand. Ich bin ja ein richtiger Wessi, der nicht mit dem Gedanken vom Nationalstaat aufgewachsen ist. Aber ich fragte mich damals auch, wie die Einwandergruppen, nicht nur Türken, damit umgehen werden. Es war sehr bezeichnend für diese Gruppen, das man zu den damaligen Ereignissen überhaupt keinen Zugang hatte. Auch als Publizist übrigens. Es gab sogar empörte Äußerungen darüber, dass ein Mensch mit türkischen Namen sich mit der Wiedervereinigung beschäftigt hat. Leider haben sich die Parameter der öffentlichen Debatten aber seit damals nicht sehr viel verändert. Es gibt zwar eine neue Generation, die sehr viel selbstbewusster auftritt, aber soweit ich das beurteilen kann, hat sich in der Debatte in Bezug auf die Fremd- und Eigenwahrnehmung nicht viel verändert.

In Brüssel wurde nun entschieden, dass die Gespräche mit der Türkei über einen Beitritt in die EU aufgenommen werden. Wie beurteilen Sie die Inhalte der um dieses Thema kreisenden Debatte?

Ich finde diese ganze Beitrittsdebatte hoch interessant, weil sie sehr viel zum Vorschein gebracht hat, was man vorher zwar vermutet aber wofür es keine Beweise gegeben hatte. Mittlerweile kann man nach zwei Jahren dieser intensiven Debatte sagen, dass man eine Vergrößerung einer kleineren Debatte erkennen kann. Und zwar eine Vergrößerung einer inneren deutschen Debatte in einen europäischen Maßstab. Leider wird diese Debatte vor allem von konservativer Seite mit sehr starren kulturellen Schablonen diskutiert. Es wird eine Vorstellung von Gesellschaft gehandelt, die Veränderungen nicht mit einbezieht und nicht an die Möglichkeit einer mentalen Veränderung der Gesellschaft glaubt und ihr es auch nicht zutraut. Es wird aber überhaupt nicht diskutiert, was auf der Basis von Identitätsdebatten Schreckliches im 20.Jh. passiert ist. Auch die gesamte Kolonialgeschichte, die ein Erbe Europas ist, wird überhaupt nicht berücksichtigt. Aber auch der eigentliche Grund für die Gründung der Europäischen Union, die Idee der Gemeinschaft, die visionäre erste Stunde, wird überhaupt nicht mehr sichtbar und gilt zumindest für die Türkei nicht mehr. Am „rechten“ Rand dieser Debatten erscheinen aber dennoch die kulturalistischen Argumente oft auch im Schleiergewand anderer Argumente, die bspw. auf die geographische Größe der Türkei abzielen. Als jemand der die türkischen Verhältnisse vor allem in den schwierigen 90er Jahren oft kritisiert hat, wo sich die Türkei in sehr finsteren Zeiten bewegt hatte, muss ich aber gestehen, dass nun eine neue Zeit angebrochen ist. Es ist wichtig, dass man Bewegungen in der Gesellschaft richtig bewertet und das man auch an die Möglichkeiten von Bewegungen glaubt.

Welche Position beziehen sie in dieser Debatte?

Ich glaube schon, dass es eine große Herausforderung ist, die Türkei in Europa zu integrieren, aber auch, dass es eine große Chance ist. Ich glaube, dass Europa das sogar noch mehr braucht, als die Türkei. Es wird immer anders herum gesehen. Die Türkei kann ja nur bestehen bleiben, wenn sie sich verändert. Das hängt zusammen mit der letzten Wirtschaftskrise, wo das Land fast am Ende war. Das zeigt, dass ein großer Reformdruck vorhanden ist. Alle etablierten Parteien wurden bei den Wahlen weggewischt. Die Bevölkerung setzte auf junge muslimische Politiker, obgleich nicht klar war, in welche Richtung es geht. Aber das Land hat sich nicht nationalistisch entwickelt. Die Menschen in der Türkei haben in der Türkei trotz der erdbebenartigen Veränderungen sich sehr rational verhalten. Und es sieht so aus, als wäre nun eine seriöse Regierung an der Macht. Es besteht der Reiz mit der muslimischen Kultur einen Frieden zu schließen. Es gab mit Atatürk eine Versöhnung mit dem Westen, aber es wurde Religion und vormalige Tradition über Nacht verändert und ausgeblendet. Heute ist tatsächlich eine Regierung an der Macht, die in der Lage ist, über den eigenen Schatten zu springen und nicht dogmatisch zu handeln.

Aber sind die Veränderungen nicht Reaktionen auf die politischen Vorgaben durch die Beitrittskriterien der EU? Zum Beispiel das Gesetz über Ehebruch oder Todesstrafe?

Das ist interessant. Da hat man einerseits den Sprung zum Traditionellen gewagt, aber die Regierung hat sich zwischen alle Stühle gesetzt. In der Türkei gibt es sehr viel Druck von Innen. Im Ausland besteht oft die Vorstellung, dass die Türkei ein muslimisches Land ist. Die Türkei ist aber sehr heterogen. Vielleicht ein Drittel sind gläubige Muslime, ein weiteres Drittel sind Aleviten, die nichts mit der dogmatischen Glaubensstruktur der Muslime zu tun haben, ein weiteres Drittel ist durchaus nicht gläubig.
Ich selbst komme aus einer gemischten Familie. Meine Mutter kommt aus einer kemalistischen, mein Vater aus einer muslimischen Familie.

Welchen Bezug zur Religion haben Sie?

Religion ist für mich Privatsache. Aber ich beschäftige mich mit Religion; nicht auf der Basis von Dogmen und Glaubenslehren, sondern als soziales Phänomen und als kulturelle Inspirationsquelle. Für Autoren sind religionsmythologische Texte oft von großer Bedeutung.

Glauben Sie, dass irgendwann eine Versöhnung zwischen muslimischer und christlicher Welt möglich ist?

Ich glaube gar nicht, dass es da einen Konflikt gibt. Ich glaube es gibt einen Konflikt einerseits innerhalb der muslimischen Welt und andererseits einen globalen Konflikt unter Menschen, die durch die gesamten Prozesse der Globalisierung sehr verunsichert sind und Ausschau halten nach Heilslehren jeglicher Art. Das kann sich auch innerhalb des Christentums abspielen, wie in den USA. Wir haben im Weißen Haus schließlich einen Präsidenten, den man, wenn er Muslime wäre, als Fundamentalisten bezeichnen würde. Es sind globale Erscheinungen, die auch ein bisschen Angst machen. Wenn wir die Errungenschaften der Aufklärung, die wir sicherlich kritisch betrachten müssen, so leicht über Bord werfen, werden wir viele Probleme bekommen. Und das betrifft nicht allein muslimische Gesellschaften. Aber der Islam bewegt sich in einer großen Krise. Er macht Fieberattacken durch, die sich ein wenig so verhalten wie die faschistischen Fieberattacken im 20.Jh. Es gibt hier tatsächlich einige Ähnlichkeiten in der Struktur, ohne dass ich den islamischen Fundamentalismus mit dem Faschismus gleichsetzen möchte. Aber deshalb ist auch die Entwicklung der Türkei in dieser Hinsicht sehr wichtig.
Genau diese Zusammenhänge werden aber bereits in der Türkei diskutiert. Wir haben den Reichtum der Erfahrung der Geschichte eingeengt. Die Gefahr besteht darin, dass Massen durch diese Heilslehren angesprochen werden. Es geht dann nicht mehr um einige vergleichsweise wenige Terroristen, welche die Errungenschaften der Globalisierung für ihre internationalen Anschläge nutzen, sondern vielleicht um Millionen. Der Irak ist ein Vorbote dessen, was passieren könnte. Diese Gefahr wird in Europa vielfach unterschätzt. Und da kann man sich auch nicht dadurch schützen, indem man sagt, wenn die Türkei nicht dabei ist, habe die EU auch keine Grenze mit dem Irak. Diese Naivität und Oberflächlichkeit, die in der Politik herrscht, dieser Analphabetismus, die Verhältnisse zu lesen, ist sehr auffällig.

Aber die islamische Welt scheint mehr Probleme mit dem Wandel von einer traditioneller in eine moderne Gesellschaft zu haben. Ist es allein ein politisches Problem?

Das hat nicht nur politische, sondern auch psychologische Hintergründe. Es gibt eine große Enttäuschung in der arabischen Welt. Die Leute fühlen sich ständig benachteiligt, von den Großen in der Welt in Stich gelassen. Aber auch das Verhältnis der Geschlechter ist ein wichtiger Hintergrund für eine vor allem bei männlichen Jugendlichen vorhandene Verunsicherung. Die vormals klar strukturierte patriarchalische Gesellschaft, in der die Rollenverteilung und Verhaltensstrukturen der Geschlechter eindeutig waren, bricht völlig zusammen. Aber auch die ökonomische Unterlegenheit dieses Gesellschaftssystems wird auf diesem Hintergrund offenbart. Das alles bietet großen Sprengstoff. Es ist kein Zufall, dass vor allem junge Männer von fundamentalistischen Heilslehren angezogen werden. Diese Phänomene werden leider viel zu selten in die Tiefe hinein diskutiert. Das wird in den Islamdebatten oft völlig vernachlässigt. Dieser vermeintliche Konflikt zwischen den Religionen gibt es gar nicht, sondern es geht mehr um die Herausforderungen der Moderne, die alle betreffen, aber die Muslime ganz speziell.

Haben sie Schwierigkeiten wegen ihrer Meinungen erfahren. Wurden sie selbst schon bedroht?

Bedrohung habe ich bisher noch nie erfahren. Aber meine Texte lösen Kontroversen auf. Selbst das Buch „War Hitler Araber?“, das 1997 in der Türkei erschienen war, wurde unzensiert veröffentlicht. Obwohl darin auch ein Artikel über die kurdische Problematik mit dem Titel „Ein Land als Verdrängungskünstler“ erschienen ist, worin ich die Gefahr der Verdrängung der eigenen Geschichte thematisiert habe. Und eigentlich bricht das mit vielen Tabus der türkischen Gesellschaft. Es gab deswegen Debatten und kontroverse Rezensionen.

Werden Sie in der Türkei als türkischer Autor wahrgenommen?

Diese Diskussion gab es damals auch. Ich bin ein Autor mit einem türkischen Namen, aber auf dem Buch war zu lesen: Übersetzt aus dem Deutschen. Trotz einiger Irritationen wurde ich aber in erster Linie als Autor wahrgenommen. Man hat mir auch nie vorgeworfen, dass ich nicht auf Türkisch schreibe. Ich habe aber auch Gedichte direkt auf Türkisch verfasst. Ich habe auf solche Fragen immer eine einfache Antwort: Ich habe mich nie für eine Sprache entschieden. Als Schriftsteller kann man das auch gar nicht, wenn man fiktional schreibt. Für die fiktionale Literatur braucht man vor allem eine innere Stimme, ob es Gedichte oder ob es Romane sind - die innere Stimme entscheidet. Und diese ist bei mir vorwiegend deutsch. Aber manchmal spricht diese Stimme auch Türkisch.

Werden Sie in Deutschland als deutsch-türkischer Autor wahrgenommen?

Das ist in Deutschland immer eine besondere Diskussion. Ich bin aber froh darüber, dass ich nicht nur in Deutschland schreibe und dass meine Bücher auch in andere Sprachen übersetzt werden. Diese Zuschreibungen sind für viele Autoren auf Dauer oft eine starke Belastung.
Deshalb freut es mich, dass ich aus diesem deutschen Kontext auch ausbrechen kann. Es gibt den Tenor in letzter Zeit, wo es dann heißt, „Autor türkischer Herkunft“. Aber diese Bindestrich-Bezeichnungen sind nur Schablonen. Und ich frage mich warum braucht man sie? Für die Verlage war es eine Zeit lang nützlich. Wenn man einen Autor, wie man in der Verlagssprache sagt, aufbauen will, ist eine solche Kategorie nur kurzfristig von Nutzen, aber auf lange Sicht kann es dem Autor schaden.

Welches Verhältnis haben sie zur Kanak-Literatur?

Bis vor einem Jahr fand ich diese Literatur noch reizvoll. Meine Begeisterung ist aber mittlerweile gewichen. Es war anfangs eine Strategie diese Literatur unters Volk zu bringen. Aber mittlerweile ist sie aus meiner Sicht ein Opfer unserer medialen Struktur geworden. Am Anfang war es eine Protestattacke mit einem interessanten Buch „Kanakspraak“, das Ansätze einer Mischung aus Wirklichkeit und Poesie und viel Kraft besaß. Aber als es dann durch die ganzen Talkshows ging, war es vielleicht gut für den Autor, aber letztendlich war es für die gesellschaftliche Diskussion ein Bärendienst.
Es war übrigens „Der Spiegel“ der eigentlich diese Kanakbewegung erfunden hatte, weniger der Feridun Zaimoglu. Auf einem großen Titelblatt Mitte der 90er Jahre wurden junge aggressive, türkische „Gesichter“ abgezeichnet. Es suggerierte eine Attacke von einer gewissen Rohheit, wie man sie aus der Geschichte der Stigmatisierung kennt. Das hatte mich damals sehr aufgeregt, weil es ein Stil war, der nicht nur falsch sondern auch gefährlich war, weil es die emotionalen Elemente angesprochen hatte. So macht es der Spiegel, das ist ein Geschäft. Aber so etwas hat natürlich Auswirkungen. Man kann nur von Glück sagen, dass diese Dinge in der medialen Gesellschaft nur von kurzer Dauer sind und mittlerweile weitgehend vergessen wurden.

Fühlen sie sich als ein Sprecher für die Angelegenheiten der türkisch-stämmigen Bevölkerung in Deutschland?

Eigentlich nicht. Ich bin immer skeptisch gegenüber Gruppen. Ich würde es als Anmaßung empfinden, wenn ich sagen würde, dass ich für die Türken in Deutschland spreche. Ich spreche immer für mich selbst. Ich schreibe über meine Themen und es gibt Leute, die sich damit identifizieren können. Aber ich bin kein Gruppendichter. Ich bin viel zu sehr gemeinschaftskritisch. Wie ich gesehen werde, ist eine andere Sache. Sicherlich gab es Untersuchungen von Soziologen über die Wirkung meiner Bücher auf Deutsche oder Türken.

Sie sind Gastprofessor in den USA gewesen. Werden Sie im Ausland als deutscher Schriftsteller gesehen oder spielt ihr Migrationshintergrund auch eine Rolle im Ausland?

Ich war mehrmals Gastprofessor in Berkeley, Boston, usw. Meine Texte haben dort auch durchaus Einfluss auf das dortige Deutschlandbild. Aber ich werde in erster Linie als Autor gesehen, der aus dem heutigen Deutschland kommt. Übrigens, ist das Interesse in den USA gegenüber Deutschland sehr groß, was man hierzulande gar nicht richtig wahrnimmt. In den USA ist man sehr interessiert an der Entwicklung des wieder vereinigten Deutschland und seinem Verhältnis zu Osteuropa und wie die Rolle Deutschlands in Europa überhaupt ist.

Sie haben den Chamisso-Preis gewonnen – eine Auszeichnung für Autoren ausländischer Herkunft. Hat es ein Schriftsteller mit Migrationshintergrund schwerer in Deutschland?

Ich hatte diese Thematik des Fremden früher überhaupt nicht wahrgenommen. Ich habe sehr früh, in der Schule schon, angefangen zu schreiben. Ich war zusammen mit meinen Altersgenossen, die sich auch künstlerisch betätigt hatten, bin in Literaturzirkel gewesen, in Schreibwerkstätten, habe für Zeitschriften über Literatur geschrieben, etc. Ich hatte aber damals nie das Gefühl, dass ich als Türke betrachtet wurde. Das kam erst später, Ende der 80er Jahre. Damals habe ich auch ein zwiespältiges Gefühl gegenüber diesen vielen wohlgemeinten Tätigkeiten entwickelt. Ich habe auch diesen Förderpreis bekommen von der Bayrischen Akademie. Das ist alles gut gemeint. Aber im Grunde genommen habe ich das Gefühl, dass dadurch Nischen geschaffen wurden. Es wäre mir eigentlich viel lieber gewesen, wenn ich nur als Poet wahrgenommen worden wäre. Den Hintergrund hätte ich ja sowieso mitgebracht, der entsteht auch in meinen Texten. Ein Autor kann schließlich nicht getrennt von seiner Erfahrung oder von seiner Herkunft schreiben. Da hat man in Deutschland jemanden entdeckt: Der Ausländer der Deutsch schreibt! Und schon hat man den Autoren negativ als nicht-deutschen definiert. Aber dabei wird übersehen, dass ich auch türkisch schreibe und eigentlich nicht in diese Schubladen passe. Es hilft sicherlich jungen Autoren bei ihren ersten Schritten in die Öffentlichkeit. Aber letztendlich ist es langfristig möglicherweise ein Nachteil für sie. Und die Autoren sollten zusehen, dass sie nicht in dieser Schublade bleiben. Solche Mechanismen funktionieren nur für eine gewisse Zeit in einem bestimmten Umfeld und man muss auch die Wirkungen kritisch beurteilen. Deutschland hat aber auch eine Tradition mit Autoren, die aus dem Ausland kommen und auf Deutsch schreiben. Es ist eine sehr wunderbare Sprache, es macht Spaß in ihr zu denken und zu schreiben.

Aber die Tatsache, dass sie aus zwei unterschiedlichen Kulturen schöpfen können, übt auch einen bestimmten Einfluss aus, der sie von Autoren mit einem monokulturellen Hintergrund unterscheidet?

Dieser Hintergrund übt selbstverständlich einen Einfluss aus. Bei Günther Grass spielt das z.B. auch eine Rolle. Und das ist bei Herrn Grass auch selbstverständlich. Aber nur weil ich aus der Türkei komme, ist das für manche nicht selbstverständlich.
Im Grunde genommen ist das doch nur eine reine Hintergrundfrage, die man schematisch sehen kann. Für den Autor aber ändert sich doch gar nichts. Egal welchen Hintergrund er hat, er arbeitet mit seinen Erfahrungen.

Aber ist das nicht auch eine Bereicherung?

Es ist eine Bereicherung aber auch eine Herausforderung. Z.B.: Wie geht man mit bestimmten Bildern um? Es gibt eine unterschiedliche Bilderkultur in Deutschland und in der Türkei. Belässt man es dabei oder bearbeitet man dieses Wissen? Selbstverständlich habe ich einen anderen Blick auf die orientalische Kultur und habe einen anderen Zugang zu ihr, einen persönlichen.

Auf der anderen Seite steht aber auch ihr gesellschaftlich-politisches Engagement, indem sie auch Zeichen gegen Nationalismen setzen. Wurde ihr politisches Denken auch auf dem Hintergrund ihrer bikulturellen Herkunft geprägt?

Das war immer eine Basis für meine Arbeit, weil es etwas ist, was mich direkt betrifft. Ich bin aber fast unbewusst dort hinein geraten, wurde aber sehr schnell aktiv, weil ich gemerkt hatte, dass es meine Person direkt angeht. Es war kein Gutmenschen-Engagement. Ich habe mich sehr früh schon mit Geschichte beschäftigt und mich letztendlich auf diesem Hintergrund entwickelt. Das hat mein Schreiben angeregt und letztlich in den 90er Jahren, als das Buch „Atlas des tropischen Deutschlands“ erschienen ist, hatte man diesen nationalistischen Kontext wieder erlebt. Viele, die wie ich über diese Zeit kritisch geschrieben hatten, unterstellte man, dass sie übertreiben würden. Deshalb bin ich damals auch bewusst zur Zeitung gegangen, damals zur „Taz“; die einzige Zeitung die Interesse für dieses Thema zeigte. Es gibt zwar Pressefreiheit, aber es gibt in den Zeitungen sehr eng gestrickte Meinungslinien. Das ist in Deutschland viel enger als in der Türkei. Selbst die „Hürriyet“, in der Nachrichtenlinie sehr national, vertritt bei den Kommentaren viele unterschiedliche und kontroverse politische Meinungen.