14. Ein Mann, der auf der Fahrt von einer kleinen Stadt in eine große Stadt von seinem Platz hinter dem Lenkrad aus die wieder­holte Beobachtung gemacht hatte, daß auf den Rücksitzen der ihn überholenden oder von ihm überholten Autos ein oder zwei ihm wie tot erscheinende schlafende Kinder saßen, deren Eltern diese aus einem ihm nicht vermutbaren Grund in die große Stadt brachten, war sich, je länger die Fahrt dauerte, immer sicherer, daß diese Kinder wirklich tot waren. Als er die große Stadt erreichte, erzählte er einem anderen Mann, den zu besuchen er die Reise von der kleinen Stadt in die große Stadt unternommen hatte, daß ihn auf der Fahrt hierher immer wieder Autos überholt hätten beziehungsweise von ihm überholt worden seien, auf deren Rück­sitzen tote Kinder gesessen wären. Der Besuchte konnte damit nichts anfangen, weder mit der Erzählung selbst noch mit dem Schrecken im Gesicht seines Besuchers, und lenkte das Gespräch auf ein anderes Thema, das nahe an dem Grund des Zusammen­treffens lag.


17. In einem Chinesischen Restaurant in Wien saß ein Mann mit einer Freundin, um eine Kleinigkeit zu essen, an einem Tisch im Zentrum des Lokals gegenüber einem Fensterplatz, an dem zwei Frauen mit einem Schwarzafrikaner bei geöffnetem Fenster saßen, weil es Sommer war und weil es heiß war an diesem Tag und sie nichts anderes essen konnten als eine Kleinigkeit, und sie aßen ihre Kleinigkeit ohne Eile, und seine Freundin erzählte von etwas, von dem er nicht mehr wußte, was es war, weil er, obschon er so tat, als würde er ihr zuhören, eigentlich dem Gespräch am offenen Fen­sterplatz zuhörte, an dem zwei Frauen saßen mit einem Schwarz­afrikaner, die auch nur eine Kleinigkeit aßen, weil es Sommer war und weil es heiß war und das Fenster offen, da hielt er die eine Frau für die Geliebte des Schwarzafrikaners, weil sie so eng an ihm dran saß trotz Hitze, die aber sagte kein Wort, während die andere fortwährend davon sprach, daß das Telephon völlig über­holt sei und man sich auf die ursprüngliche Form der Kommuni­kation, die Telepathie, wie sie die Ureinwohner Afrikas ja so vor­trefflich beherrscht hätten, zurückbesinnen müsse. Der Schwarz­afrikaner schaute zu dem Mann hinüber und sagte zu der Spre­cherin, daß der am Nebentisch dem Gespräch zuhöre, was die nicht irritierte, im Gegenteil, sie sagte: Soll er doch. Dann schwieg sie für einen Moment, und die Freundin des Mannes schwieg, da sie mit dem, was sie ihm zu erzählen hatte, zu Ende war, und alle fünf aßen sie an ihrer Kleinigkeit ohne Eile, weil es ein Sommertag war und weil es heiß war und weil man an solchen Tagen nur eine Kleinigkeit essen konnte, bei offenem Fenster. Da fragte ihn der Schwarzafrikaner, ohne zu sprechen, was er mit der Frau ihm ge­genüber, bevor sie wieder zu sprechen beginne, tun solle, um wei­teres Sprechen zu verhindern. Der Mann antwortete, ohne zu spre­chen: Gib ihr eine Ohrfeige. Und der Schwarzafrikaner gab ihr ei­ne solche Ohrfeige, daß es knallte. Das Fenster war offen, sie aßen ihre Kleinigkeit ohne Eile, weil es Sommer war und weil es ein heißer Tag war, und die Freundin des Mannes, die mit dem Rücken zu den anderen Leuten saß, fragte: Was war denn das.


21. Vor 36 Jahren gab ein Mann, der unmittelbar vor seiner Heirat stand, diesen Plan aus folgendem Grund auf: Mit einem Freund überquerte er einen Marktplatz, um in einem Restaurant dem Standesamt gegenüber zu Mittag zu essen. Da ungewöhnlich vie­le Menschen an diesem Mittwoch auf dem Marktplatz standen und offensichtlich auf etwas warteten, erkundigten sich die beiden Freunde nach der Ursache dieses Menschenauflaufs. Sie erfuhren, daß soeben im Standesamt die Trauung eines Mitglieds des lo­kalen Fußballvereins vollzogen werde und daß dies alles Ver­wandte des Brautpaares oder Anhänger des Fußballvereins seien, die gekommen seien, um das frisch vermählte Paar beim Verlas­sen des Standesamtes nach der regional üblichen Tradition, mit Reisregen und einem Menschentunnel, bei dem immer zwei ei­ne Brücke bilden, zu beglückwünschen. Der Freund des Mannes, dem ähnliches bevorstand, sagte: Stell dir das Entsetzen vor, die Türen werden geöffnet und aus dem Inneren des Standesamtes wer­den eine männliche und eine weibliche nackte Leiche geworfen. Dar­aufhin bat der Mann seinen Freund, doch schon in das Lokal vor­zugehen und dort auf ihn zu warten, er habe etwas sehr Drin­gendes zu erledigen und werde in einer halben Stunde wieder bei ihm sein. Er war schon nach zwanzig Minuten zurück und erzählte seinem Freund, er sei nach Hause zu seiner Braut ge­gangen, habe ihr gesagt, er würde sie nicht mehr lieben und sie solle das Ganze mit der Hochzeit ganz vergessen. Der Freund sagte zu ihm: Du hast einen schwachen Charakter. Dann aber ver­brachten sie einen sehr vergnüglichen Nachmittag miteinander. Als der Mann vor 34 Jahren seine Braut, die er schon vor 36 Jah­ren heiraten hatte wollen, doch noch heiratete, schickte sein Freund ein Telegramm: Ich heirate auch.

Andreas Jungwirth