Glückliche Menschen

Selten finden wir die Kraft, wieder mit den alten Geschichten anzufangen, aber wenn mein Kumpel einmal genug Luft zum Atmen hat, behauptet er schon, er sei von uns der Verdammtere. Dabei sind wir beide schwere Jungs: Dreihunderttausend Jahre bringen wir jeder auf die Waage. Gleichstand, schnaufe ich, Gleichstand! Die steile Mittagssonne brennt in die nackte Haut. Wir heben noch ein Mal vor der kurzen Pause unsere kindsgroßen Hämmer, diese unzerstörbaren Stahlköpfe mit den massiven, umwickelten Stielen, wir ächzen beim Ausholen und setzen den letzten Doppelschlag auf die Gesteinsbröckchen am Boden: Die zerbersten, und endlich liegen die Reste des Vormittagssteins als harmlose Brösel vor uns. Ich weine trocken, und mein Kumpel bringt ein kehliges Geräusch zustande, seine Art von Schluchzen. Im Tal schwebt ein Adler. Leises Stöhnen kommt vom Abhang herauf: Sis wird gleich da sein. Mit zitternden Händen und stechenden Rückenschmerzen hören wir wie immer einige Takte lang noch das Pochen von Metall gegen Granit in den Knochen, erst dann gleiten uns die Hämmer aus den blasigen Händen, und wir fallen am Rande des Abhangs auf die neue Lage heißen Steinstaub, wir fallen schutzlos, nur unsere verbrannten Gesichter sind gepolstert durch lange filzige Bärte, unsere Haut holt sich blutige Schrammen an kleinen Granitsplittern, und immer brechen dabei Quetschungen auf, die wir uns durch abgerutschte Hämmer zugezogen haben, aber nach der Vormittagsarbeit kann sich keiner länger gerade halten, wir liegen auf dem Sand und keuchen um die Wette, der Schweiß verschmiert uns die Augen.

An der Kante des Berghangs erscheint schon die Spitze des Nachmittagssteins, er rutscht auf die Kuppe, ruckweise, dann folgen ein grauer Bart und stumpfe Augen darüber und zwei fleckige Hände drumherum, die Zentimeter für Zentimeter das Gewicht voranwälzen, eine magere nackte Gestalt, die den Brocken das letzte nötige Stückchen weiterschiebt, so dass er nicht mehr zurückrollt. Der alte Sis, mit dem rostroten Hochgebirgsbrand vom Hals bis zu den blutenden Füßen. An seinen dürren Armen und Beinen treten die Sehnen hervor, dann lässt er los und bricht zusammen, unvorsichtigerweise über seinem sonnendurchglühten Block, also schreit er noch einmal, bevor er zur Seite plumpst. Zu schwach für ein Hallo. Gegen ihn sind wir Frischlinge. Eine Million Jahre Verdammnis.

„Ich ... Nein ... Gott ...“ röchelt er, jeden Tag, ohne Echo. Dabei hat er doch gleich nur den Rückweg vor sich, der Glückliche, einfach den Berg runter. Sein neuer Stein liegt zwischen uns, ein Granitfelsen wie alle anderen, den wir den ganzen Nachmittag lang zu Schutt klopfen werden. Sis hustet in den Sand, dann befeuchtet er seine Lippen und will einen weiteren Satz schaffen, heute ist er gesprächig, aber seine Zunge klebt ihm in den Mundwinkeln fest, nur seine Kinnlade bewegt sich. Das findet mein Kumpel so komisch, dass er ein Grinsen versucht, was zu ganz ähnlichen kauartigen Verrenkungen führt, und als er das merkt, kippt sein Lachen zurück ins trockene, stockende Schluchzen. Keiner von uns hat Feuchtigkeit für Tränen übrig. Zwei zuckende Köpfe um mich, die kurze Mittagspause verrinnt, der Stein heizt sich weiter auf, ich halte meine Hände vors Gesicht, sie zittern noch, und in meinem Rücken scheint jeder Wirbel zu knirschen. Ich stöhne heiser, als mir klar wird, dass ich gleich wieder unter der riesigen Sonne hämmern muss.

„Jungs“, grunzt Sis, „wir müssen doch.“ Wie immer ist er es, der seine letzten Kräfte in sich entdeckt, die knackenden Beine anzieht, die schrundigen Kniescheiben in unser Geröll schiebt und langsam, mit lautlos aufgerissenem Mund, den Oberkörper hochwuchtet. Dann steht er, und hilft sogar meinem Kumpel, greift die ausgestreckte Hand, rutscht erst vom Schweißfilm ab, packt dann aber noch einmal zu, es ist leichter als das Steinewälzen, und so liege nur noch ich im kochenden Sand, kann nicht einmal meine Handflächen zum Stemmen aufsetzen. Mein Kumpel hebt langsam den Hammer vom Boden. Die Sonne blitzt aus dem blanken Stahlkopf und blendet mich. Merkt er das nicht? Der Angeber soll sehen, wer hier der Verdammtere ist.

„Sis!“ rufe ich, denn Sis hat sich umgedreht, will den Hang hinunterklettern, „Sis!“ Jetzt blickt er zurück mit seinen uralten Staub-Augen. „Sis ... ist ... ist dir klar, dass ... dass ... dass“, ich sammle Spucke für meinen Satz, die Silben hallen durchs Tal, und während mein Kumpel schon den ersten Schlag auf den neuen Brocken setzt, mit dem üblichen lächerlich Ping, ein Splitterchen ist abgeflogen, echot es zurück: ass, ass, ass. „Sis! Mit jedem Stein, den wir kleinhauen, wird der Berg ein bisschen höher, ist dir das klar!?“

Ar, ar, ar. Und Sis brüllt in den Himmel. Ich weiß, das wird mich zehntausend Jahre zusätzlich kosten, aber das war´s mir wert.