Der Griff hat einen Sprung


Schon am ersten Abend nach meiner Ankunft in München begann meine Assimilierung. Ein Glas kalte Milch und eine Tafel Milkaschokolade.
In der Türkei gab es natürlich auch Milch, aber die Milch der türkischen Kühe mußte gekocht und heiß oder lauwarm getrun¬ken werden, der Bakterien wegen. Kalte Milch schmeckte mir besser. Ich war fünf Jahre alt, für Bier noch etwas zu klein, doch genau im richtigen Lederhosenalter. Ich war sehr stolz auf meine erste Lederhose, die mich nach meiner Rückkehr nach Istanbul von allen Istanbuler Kindern unterschied.
Hätten alle Gastarbeiter ihre Kinder am ersten Abend in Deutschland mit Milch und Schokolade gefüttert und sie am nächsten Morgen in Lederhosen gesteckt, hätten wir heute keine Probleme mit der Integration. Aber meine Eltern waren keine Gastarbeiter. Das erklärt vielleicht ihre Affinität zur kalten Milch, zur Milkaschokolade und zu Lederhosen. Sie hatten gar keine Berührungsangst mit der deutschen Kultur. Sie waren ja nur für zwei Monate nach Deutschland gekommen, um in einem klei¬nen oberbayerischen Ort Deutsch zu lernen. Zugegeben eine etwas seltsame Entscheidung, gerade nach Oberbayern zu gehen, um die deutsche Sprache zu lernen.
Meine Eltern spielten in und mit der deutschen Kultur. Ich glaube, daß ihnen dieses Spiel auch sehr viel Freude bereitete. Das war einfach nur gelebtes Theater. Wenn man eine fremde Spra¬che lernt, verkleidet man seine Zunge. Warum also nicht gleich sich ganz verkleiden. Es ist erwiesen, daß man schneller Deutsch lernt, wenn man Lederhosen trägt.
Ich jedenfalls wurde mit meinen Lederhosen in Istanbul zum Gespött der Leute. Dennoch weigerte ich mich, sie auszuziehen. Endlich hatten meine Eltern eine Einsicht mit meinem Martyrium und beschlossen, nach Deutschland auszuwandern. Seit meinem Deutschlandaufenthalt waren vier Jahre vergangen, aber mir war vieles aus Deutschland noch gut in Erinnerung. Vor allem der Geschmack von kalter Milch und Milkaschokolade.
Meine Eltern wollten eigentlich viel lieber nach Hamburg aus¬wandern. Sie hatten dort gute Freunde, außerdem war das Meer nicht so weit. Doch ich tyrannisierte sie so lange, bis sie sich aus Rücksicht, Liebe oder auch einfach nur aus Nervenschwäche meinem Willen beugten und sich in München niederließen.
Heute, nach dreißig Jahren, habe ich das Gefühl, daß wir eigentlich nur meiner Lederhosen wegen nach Deutschland gezo¬gen sind. Wie dem auch sei, keiner in unserer kleinen Familie hat diesen Schritt jemals bereut. Wir sind alle überzeugte Verfechter deutscher Wertarbeit.
Neulich besuchte ich meine Eltern in Hamburg. Nachdem ich volljährig geworden war, hatten sie endlich den Mut gefaßt, ihr Leben nach eigenen Wunschvorstellungen zu gestalten und waren von Bayern nach Deutschland ausgewandert. So beschrieb mein Vater ihren Umzug. Genauer gesagt zogen sie nach Ham¬burg, in ihre Lieblingsstadt. Aus meiner Sicht eine unverständli¬che Entscheidung, für meine Eltern aber ging ein Traum in Erfül¬lung. Sie schwärmen für Hamburg und sind, seit sie dort leben, kein einziges Mal in den Süden gefahren.
Neulich war ich also auf Besuch. Mein Vater führte mich in die Küche. Er ist ein leidenschaftlicher Sammler von Küchen¬messern »Marke Solingen«.
Ich habe eine neue Solingen Marka erworben, die ich dir gleich zeigen muß«, jubelte er vor sich hin.
Ich nahm das gute Stück in die Hand. Das Messer war mittelgroß. Die scharfe Klinge blinzelte im Licht. Ihr Stich konnte tödlich sein. Die Augen meines Vaters leuchteten. Doch was war denn das?
Guck mal, der Griff hat ja einen Sprung. Das mußt du mor¬gen gleich zurückbringen. Die tauschen dir das bestimmt um.«
Ich kam mir wie ein gemeiner Spielverderber vor. Aber der Fehler mußte einfach reklamiert werden. Die Frist für solche Reklamationen beträgt sieben Werktage. Meinem Vater war der Abend versaut.
Made in Germany ist auch nicht mehr das was es einmal war,« maulte er.
Meine Mutter meinte trocken, »ach, das ist bestimmt Ware aus Polen, da steht halt bloß Solingen darauf. Heutzutage nimmt man das alles doch nicht mehr so genau.«
Mein Vater widersprach meiner Mutter vehement, mit dem Hinweis auf den stolzen Preis des erworbenen Messers. Es begann ein heftiger Streit, der nicht mehr aufzuhören schien, weil keiner mehr wußte, weswegen man sich in die Haare geraten war. Ich finde schon, daß wir eine gut integrierte Familie sind.
Aus dem Spiel, das meine Eltern einst so gerne spielten, ist heute bitterer Ernst geworden. Überhaupt scheint mir das unge¬schriebene Gesetz des Lebens darin zu bestehen, daß aus jedem Spiel irgendwann einmal ernst wird. Längst geht es nicht mehr um eine Maskerade, sondern um eine Art Vaterlandsverteidi¬gung, wenn von eigener und fremder Kultur die Rede ist.
Die Worte eigen und fremd sind mir eigentlich immer fremd geblieben. Vor allem wenn sie von Menschen ausgesprochen wer¬den, die ich gut zu kennen glaube. Aus ihrem Mund klingen diese Worte irgendwie falsch. Jedenfalls für meine Ohren. Vielleicht habe ich auch einen Hörfehler.
Man sagt heute gar nicht mehr, »mein Vaterland ist Deutsch¬land,« sondern, »ich komme aus Deutschland,« so als würde man gerade aus der Küche kommen. Vaterland, so scheint mir, ist nicht mehr ein geographischer oder politischer Begriff sondern ein kultureller, über den man eher im stillen Kämmerlein denkt als laut spricht. Kalte Milch und Milkaschokolade sind rationiert.
Man bangt um die Ration der eigenen Kinder, prüft jeden Mor¬gen auf pedantische Weise die Farbe der Milch nach. Es gibt Gerüchte darüber, daß sie nicht mehr ganz so weiß sei, wie noch vor zehn Jahren. Ich kann diese Ängste verstehen. Die kalte Milch schmeckt auch nicht mehr so wie vor dreiunddreißig Jahren. Jedenfalls ist der Geschmack in meiner Erinnerung nicht mehr identisch mit dem Geschmack von heute und vielleicht auch nicht identisch mit dem Geschmack von damals. Ich dachte zuerst, daß diese Veränderung im Geschmack mit meinem Weg¬gang von München nach Berlin in Zusammenhang zu bringen wäre. Aber bei meinen regelmäßigen Besuchen in München mußte ich jedes Mal feststellen, daß die kalte Milch hier inzwi¬schen ebenso fade schmeckt wie in Berlin, eben anders als die Milch in meiner Erinnerung. Es muß also an meinem eigenen Geschmacksinn liegen, daß die Milch nicht mehr so ist, wie sie einmal war.



Zafer Şenocak