Territorien

1

In Deutschland sind wichtig: der Stammbaum, der Stamm und der Baum und der Stammtisch, der Stamm und der Tisch.
So kam es, dass ich mich in meinen eigenen Stamm vertiefte, ohne darin auf einen Baum oder gar auf einen Tisch zu stoßen. Es fanden sich darin lediglich lose Blätter, die keinem Baum mehr eindeutig zuzuordnen waren, Kreuzungen, die der Wind entworfen hatte, mit eigenwilligen Schnittmustern, manchmal unidentifizierbar.
Und ein Tisch? Wo hat man bei uns im Stamm gegessen, wo geschrieben, wo die Welt verändert? Nach langen Nachforschungen stieß ich auf eine erstaunlich einfache Lösung dieser komplizierten Frage: Auf dem Boden. Wo sonst?
Unser Stamm aß vom Boden die Blätter auf, kreuzte sie mit den Blättern anderer Stämme, die der Wind je nach Windrichtung, mal vom Norden, mal vom Süden, mal vom Osten, mal vom Westen zu uns getragen hatte und verpasste so die Entwicklung des Tisches, den man hätte inmitten von allem aufstellen müssen, um endgültig sesshaft zu werden, um wirklich von dem Boden abzustammen, auf dem man aß. Ich habe bei meinen Recherchen auch die Neigung bei meinem Stamm verspürt, das Wesentlichste, nämlich den Boden zu verlieren, und sich stattdessen auf den Weg zu machen, zu anderen Stämmen, die alle im Besitz ihrer ausgewachsenen Stammbäume waren und sich lediglich ein paar frische Blätter wünschten, wofür sie eigene Formulare druckten. Doch waren unsere Blätter frisch genug? Oder vielleicht zu lange unterwegs, um anderswo an einem fremden Stamm noch einmal zu grünen?

II

Mein Vater sitzt auf einem Baumstumpf, dessen Wurzeln identisch sind mit den Knochen meines Großvaters. So weit ist er zurückgegangen. Was erdet mich? Ich habe eine lose Blättersammlung angelegt. Viele Farben gewendet, mal ins Helle, mal ins Dunkle, wenig geredet, wenig geschrieben, lediglich meinen Namen, wenn es sein musste. Ich hatte nicht viel mehr.
Dann kam jemand, der auf der Durchreise war, hat alles mitgenommen. War es ein Fremder? War es mein Bruder?
Ich stand mit ihm eine Weile am Wegrand. Ein Dritter konnte kaum erkennen, ob er gekommen war, oder ich, ob er gehen würde oder ich. Wir haben am Ende keine Adressen ausgetauscht. Er hatte keine und meine war ihm bekannt.

III

Neugierig will man wissen, woher ich komme. Welchen Weg ich zurückgelegt habe, interessiert kaum. Jeder hat die Pflicht, auf dem kürzesten Weg nach Hause zu gehen. Wege erzeugen Angst. Umwege sind Anlass für Verdächtigungen. Auf den Wegen ist man unidentifizierbar. Ist man ein harmloser Reisender mit sicherem Ziel, oder Wegelagerer, hat man einen Pass, ein Visum, die richtige Hautfarbe, das passende Gesicht? Umwege sind um jeden Preis zu meiden, wo sie nicht gemieden werden können, sind sie zu verkürzen. Nur ein bestimmter Punkt am Ende des Weges schafft Sicherheit. Man ist dort nicht geborgen, aber sicher. Man kann sich an einem solchen Punkt festorten, orientieren.

IV

Seit ich ein Fremder bin, glaube ich wieder. Der Fremde hat sei­nen Gott immer bei sich. Der Gott des Fremden ist ein Taschen­gott. Fragt mich nicht wie man das wird, ein Fremder. Es muss in einem Augenblick meines Entrücktseins geschehen sein. Ich wusste es von einem Moment auf den anderen. Keine Inkuba­tionszeit, keine Vorbereitung, kein Test, nichts, aber auch gar nichts. Man wird auf der Straße angesprochen und weiß es. Damit nicht genug, man glaubt auch noch daran. Zuhause wird der Glaube irgendwann überflüssig. Man kennt jeden Winkel und kann sich etwas Verborgenes gar nicht mehr vorstellen. An die zwielichtige Stelle des Glaubens tritt grelle Gewissheit. Es gibt kaum noch einen Grund, seinen Glauben zu leben. Man liest die Buchstaben, die man lesen kann, setzt sie zu Worten zusammen, die man kennt, glaubt mit ihnen alle Weltsprachen zu verstehen. Als Fremder versteht man seine eigene Sprache nicht mehr. Man hat nur noch seinen Glauben.

V

Wir springen von einem Punkt zum anderen und wissen kaum noch, wo die Grenze verläuft. Wir kommen an Grenzstationen an, die verlassen sind. Wir können sie auf keiner Landkarte orten. Die ehemalige Grenze verläuft mitten durch uns. Wer in sich schaut, stößt auf eine unsichtbare Mauer. Soldaten kauen an ihren nutzlos gewordenen Maschinengewehrkugeln. Sie sehen nicht mehr gefährlich aus, aber kann man ihnen trauen? Wir müssen uns selbst überwinden, um die Grenze zu passieren. Es ist möglich, aber nur auf Schleichwegen.



Zafer Şenocak